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„So, ſo; aber warum haben Sie ihm das, was Sie mir erzählen, nicht ſchon früher ſelbſt geſagt?“
Ginſeppa erröthete bei dieſer Frage; ſie ſchlug die Augen nieder und antwortete:„Sie ſind mein Arzt, mein väterlicher Freund; es iſt mir, wenn ich zu Ihnen ſpreche, als ſpräche ich als Kind zu meinem Vater.— Aber konnte ich denn dem jungen Manne von dieſen Dingen erzählen? Und ich kenne ja ſeine ſchreckliche Eiferſucht, ſeinen leichtgereizten Argwohn; ich habe es nie über mich vermocht, ihm zu ſagen, welchen Schlin⸗ gen ich entflohen war.“
„Ich ehre, ich bewundere Ihr Gefühl; Sie ſind ein gutes Kind; glauben Sie mir, es thut einem alten Manne wohl, auf ſolche decente Gefühle aus der alten Zeit zu ſtoßen; denn heutzutage gilt es für guten Ton, ſich über dergleichen wegzuſetzen. Aber noch haben Sie mir nicht Alles erzählt; der Abend auf der Redoute, jene ſchreckliche Nacht—
„Es iſt wahr, ich muß Ihnen noch weiter ſagen Ich habe, ſo oft ich im Stillen über meine Rettung nachdachte, die Vorſehung geprieſen, daß man in jenem
Hauſe glaubte, ich habe mich ſelbſt getödtet, denn es war mir nur zu gewiß, daß, wenn jener Schreckliche nur die entfernteſte Ahnung von meinem Leben habe, er kommen werde, ſein Opfer zurück zu holen oder es zu verderben; denn er mochte manches Fünffrankenſtück für mich bezahlt haben. Deßwegen habe ich, ſo lange ich in Piacenza war, manches ſchöne Anerbieten fürs Theater abgelehnt, weil ich mich ſcheute, öffentlich aufzutreten. Als ich aber etwa anderthalb Jahr dort war, brachte
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