Druckschrift 
Sigismund Forster / von Ida Gräfin Hahn-Hahn
Entstehung
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Sie ſah meinen Bruder täglich. Morgens und Abends, mit hypochondriſcher Pünktlichkeit, machte er einen Spaziergang um die Wälle der Feſtung, und ging dabei immer an ihrem Häuschen, ihrem Fenſter vorüber. Er war immer allein, denn er floh dazumal die Menſchen; er ſah zergrämt und melancholiſch aus; ſchön iſt er, wie ich ſelten einen Mann geſehen. Auf welche Weiſe ſich die Liebe in ein Herz von ſechszehn Jahren ſchleicht, mit welchem Gefolge von Mitlleid, von Theilnahme, vielleicht von Romanlectüre wer hat das ergründet! Als mein Bruder nach einem Jahr die Feſtung verließ, wurde das Mädchen immer ſtiller und ſtiller, dann tieffinnig, und jezt halten die Aerzte ſie für unheilbar, weil ſie in Stupidität verſunken iſt.

O Himmel, wie iſt denn Ihrem Bruder dabei zu Muth? rief Tosca ſchaudernd.

Wie einem Manne, der, ohne es zu wollen, großes Un⸗ heil geſtiftet hat: traurig und ruhig.

Iſt es Ihrem Bruder nie eingefallen, das arme Mädchen herzuſtellen, indem er es heirathet?

Das glaub' ich wol nicht, gnädige Fraul! ſie war ganz ungebildet, ganz unſchön, fremd ſeinem Weſen, ſeinem Her⸗ zen

Aber da ſie ihn ſo ſehr liebte!

Was liebte ſie, gnädige Frau? ſeine Erſcheinung! ſeine geſenkte Stirn, ſeinen melancholiſchen Ausdruck! iſt es nicht ſehr leicht möglich, daß ihr exaltirter Kopf aufgehört hätte, ihn zu lieben, ſobald ſie ihn hätte lachen hören oder Cham⸗ pagner trinken ſehen? Um ein ſolches Opfer ſublim zu machen, muß es am rechten Ort gebracht werden.