Nach beendetem Contretanz ging Sigismund ins Büffet⸗ zimmer, hielt einige Freunde durch Champagner feſt, und kehrte nicht in den Ballſaal zurück. Tosca blieb den ganzen Abend gedankenvoll. Sie konnte ſich ſein Benehmen nicht erklären. Wenn Uebermuth darin lag, ſo war es doch nicht der allein! das hatten ihr der traurige Blick und die zitternde Hand geſagt. Den Uebermüthigen würde ſie ſehr bald ver⸗ geſſen und ihn auf gleiche Weiſe behandelt haben. Der Trau⸗ rige beſchäftigte ſie unabläſſig. Mit dem Gedanken an ihn blieb ſie auf dem Ball, und kehrte erſt in tiefer Nacht heim. „Der Ball war matt... heute!“ ſprach ſie nachdenklich, als fie den Blumenkranz aus dem Haar nahm.„Ich glaube, ich werde ſchon zu alt für den Tanz. So recht großes Ver⸗ gnügen... wie neulich— machte er mir nicht mehr.“ Sie entſchlief und träumte von Sigismund.
Von nun an ging Sigismund Forſter nicht mehr an Tosca Beirons Fenſter vorüber. Sie grämte ſich und er— grämte ſich noch mehr.
Woran hängen unſre Schickſale? Oft an Einflüſſen, die, unabhängig von uns, um unſre Wiege gewaltet haben! oft
an Eindrücken, die ſich in unſre Seele ätzten, als ſie ſich zum
erſten Mal dem Bewußtſein öfnete! oft an Begegniſſen, die ſich der reizbaren Empfänglichkeit eines Kindes unwiderſtehlich bemeiſtern und ihm Zu⸗ und Abneigungen einflößen, deren es dann in ſeinem ganzen Leben nicht wieder Herr wird. Es mögte intereſſante Aufſchlüſſe über manche Eigenthümlichkeiten der Menſchen geben, wenn man wüßte, welcher Empfindung fie ſich in der Kindheit zuerſt bewußt worden ſind. Die meine war Bangigkeit, ungeheure, namenloſe, verzweiflungsvolle Bangigkeit. Ich war ganz klein damals, ſo klein, daß Jahre


