Die unbekannte Dame. 23
duͤrft euch beide nicht eher ſehen, als bis der Heirats⸗ vertrag abgeſchloſſen iſt; ſo gebietet es das Geſetz, und fordert es der Anſtand.“
Kaum hatte die Alte ausgeſprochen, ſo erſchien ein Kadi, mit zehn Perſonen ſeines Gefolges. Ich ſtand auf, und begruͤßte ihn; worauf die Alte ihn alſo an⸗ redete:
„Die junge Dame, die ſich mit dieſem Kaufmanne verheiraten will, hat euch zum Vormund erwaͤhlt: willigt ihr ein, ihr dieſen Dienſt zu leiſten?“
Der Kadi antwortete, daß er ſich durch die ihn getroffene Wahl ſehr geehrt fuͤhlte; er fertigte auf der Stelle den Heiratsvertrag in allen Foͤrmlichkeiten aus, und ließ ihn von den mitgebrachten Zeugen un⸗ terſchreiben. Sodann wurde fuͤr ihn und ſein Gefolge ein reichliches Mahl aufgetiſcht, und ihm ein praͤchti⸗ ges Kleid nebſt dreihundert Zeckienen uͤberreicht: wor⸗ auf er ſich entfernte, indem er der Alten auftrug, ihrer Gebieterinn ſeinen Dank abzuſtatten.
Ich war von allem dem was ich ſah, ſo betaͤubt, daß ich, ohne auf die Zuruͤcklaßung meines Geldes zu achten, beim Weggehen des Kadi's auch eine Bewe⸗ gung machte, als wenn ich ihm folgen wollte. Die Alte aber noͤthigte mich, mich wieder zu ſetzen und ſagte zu mir:
„Seid ihr bei Sinnen? muß man euch erinnern, daß auf den Heiratsvertrag die Hochzeit folgt? Seid


