Kuluf umd Dilara. 255 Drei und vierzigſter Tag.
Die ungluͤcklichen Gatten erweichten einander, in⸗ dem ſie ſich ſo ganz das Schreckliche ihrer Lage vor die Seele riefen und brachten die beiden folgenden Tage unter Seufzen und Wehklagen hin. Sie dachten in⸗ deſſen auf Mittel zur Rettung; ſie verſuchten die Treue ihrer Wachen, aber ſie fanden ſie unbeſtechlich. So kam der funfzehnte Tag heran, der Tag, an welchem der Eilbote von Chodſchend zuruͤckkommen mußte, und welchen ſie beide eben ſo ſehr fuͤrchteten, als er von dem Sohne Muſaffers heiß herbeigewuͤnſcht wurde.
Sobald die erſten Strahlen dieſes ſchrecklichen Ta⸗ ges das Gemach der beiden Gatten erhellten, ſtand Kuluf, der zum letztenmale das Licht zu ſehen glaubte, auf, um zum Tode zu gehen. Er betrachtete ſeine Gattinn mit Augen, worin ſich Schmerz und Ver⸗ zweiflung malten, und ſagte zu ihr mit faſt erſtickter Stimme:
„Lebet wohl! ich gehe hin, meine Beſtimmung zu erfuͤllen, und dem Kadi meinen Kopf zu bringen: ihr, ſchoͤne Dilara, ihr, lebet, und erinnert euch manch⸗ mal eines Mannes, der euch ſo zaͤrtlich geliebt hat.“
„Ach! Kuluf,“ antwortete die Frau, in Thraͤnen
zerſchmelzend,„ihr gehet zum Tode, und ermahnet mich, zu leben! denkt ihr denn, daß das Leben noch


