Teil eines Werkes 
2. Bd. (1859)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Ein erſter und ein letzter Ball. 9

durchzukoſten in ihrem Schmerze zu wühlen. Doch bleibt ſie dabei nicht einmal ſtehen, ſondern nachdem ſie ſich überzeugt, daß ihre Schweſter, das naſeweiſe Ding, ſie nicht überraſchen wird, öffnete ſie ein kleines Käſtchen, das auf ihrer Komode ſteht, und fängt an, die eben gedachten zwölf Jahre zu illu⸗ ſtriren. In dem Käſtchen finden ſich merkwürdige Sachen, ohne Sinn und Bedeutung für den Uneingeweihten, aber verſtändlich für ihr armes Herz. Die erſten Illuſtrationen eine bedeutſame Blumenſprache, auch andere noch zierlichere, wohlgefällige Hiero⸗ glyphen, die letzten Jahre aber ſchon mit harter und ſchwerer Keilſchrift redend. Da ſind Balltäfelchen, vergilbt und zer⸗ knittert, und unter Andern ſteht ein Name darauf, in erſchreckender Anzahl. Hinter dem erſten Walzer und dem erſten Galopp, hinter der erſten Mazurka und der erſten Françaiſe, dann wieder hinter der zweiten Mazurka und dem zweiten Galopp, und ſehr leſerlich hinter ſämmtlichen Cotillons. Das findet ſich einige Mal ſo, und bei dieſen Balltäfelchen liegen kleine, verwelkte Blumen⸗ ſträuße und Knallbonbons⸗Zettel mit allerlei rührenden In⸗ ſchriften:

Darf ich hoffen? aus Norma, oder:Nein, nein, du liebſt mich nicht, wie ich dich liebe! aus Montecchi und Capu⸗ letti, oder:

Schön wie der Mond, der einſam wallt, So ſchön biſt du, doch auch ſo kalt, aus den Gedichten von Feodor Löwe. Weiter, weiter. Die Balltäfelchen bleiben eng beſchrieben, aber der gewiſſe Name wird ſeltener. Zuerſt ſteht er nicht mehr hinter den Cotillons, dann auch nicht mehr hinter den ſtürmiſchen Galoppaden und den ſich ſanft wiegenden Mazurken; nach und nach ſind nur noch ruhige