Ein erſter und ein letzter Ball.
„Du haſt recht, Canzleirath,“ ſagt die Mutter,„man muß mit dem Strome ſchwimmen. Wenn Müllers und Steiners und Felders ihre Mädchen mit ſechszehn Jahren zeigen, ſo ſehe ich gar nicht ein, warum wir unſer Kind noch ein ganzes Jahr warten laſſen ſollten. Man kann ja nicht wiſſen, was ſich da oben findet; und dann iſt Emilie für ihr Alter ſo geſetzt, daß man ſie für achtzehn oder neunzehn halten kann.“
„O Papa, wie bin ich ſo dankbar,“ ſagt das junge Mäd⸗ chen,„heut iſt Montag, am Samſtag iſt der Ball, da hab' ich gerade noch Zeit, mit meinem Anzuge fertig zu werden. Nicht wahr, Mama, wir denken gleich daran; und auch du, Eliſe, wirſt mir helfen.“
Bei dieſen Worten Emiliens bleibt der Canzleirath einen Augenblick nachdenkend ſtehen, und erinnert er ſich eines weißen Kleides, welches zur Confirmation vor zwei Jahren für Emilie gemacht wurde. Aber Mama ruft entſchieden:„Wo denkſt du hin, Mann? Das iſt ganz unmöglich. Wenn du deine Töchter abſolut
auf Bälle führen willſt, ſo mußt du auch etwas für die armen Mädchen thun.“ „Man könnte ja ein neues Leibchen machen laſſen,“ meinte der Canzleirath ſchüchtern,„oder,“ ſetzte er hinzu, als er das Achſelzucken ſeiner Frau geſehen,„beſſer wäre es vielleicht, der Emilie das blaue Ballkleid Eliſens zu geben, was mich ſehr viel Geld gekoſtet.“ 4 Bei dieſen Aeußerungen hat die Canzleiräthin ihre Hauben⸗ bänder glatt geſtrichen, was ungefähr von derſelben Bedeutug iſt, als wenn an einem ſchwülen Sommertage ſich fern am Hori⸗ zont ein kleines, graues Wölkchen zeigt. Der Canzleirath übrigens, der dieſe Zeichen vollkommen kennt, und ſelten zu beachten ver⸗


