. Ein Eiſenbahnbild. 277
das Gebirge hinanſchleppen. Der elektromagnetiſche Telegraph hat ſich noch nicht entſchließen können, die Berge hinanzuklettern, und bleibt hinter uns im Thal; bis jetzt hatten wir ihn von Stuttgart an unſerer Seite, den unheimlichen Drath, in Wahrheit unheimlich, wenn man bedenkt, daß ſich an ihm, der anſcheinend ſo harmlos weite Länderſtrecken durchzieht, eine faſt noch unbe⸗ kannte, wenigſtens ungebändigte geſpenſtige Kraft hinſchlängelt, ein unſichtbares Weſen in unbegreiflicher Geſchwindigkeit, gegen welche die des Dampfes, mit der wir eilen, ganz unbedeutend iſt, wenn man bedenkt, daß an dieſem Drathe neben uns Worte dahinblitzen, für uns unſichtbar und unhörbar. Worte, Befehle, die die Menſchen, Hunderte von Meilen von einander entfernt, ſich zuſchleudern— in der That unheimlich und oft ſeltſam in das gewöhnliche Menſchenleben eingreifend. So habe ich es er⸗ lebt, daß Jemand, der in Köln aus Verſehen einen fremden Koffer zur Eiſenbahn mitnahm, in Düſſeldorf feierlichſt empfangen und an ſein Vergehen gemahnt wurde. Schon einmal vor langen Jahren lief durch dieſe Thäler eine Telegraphenlinie, plötzlich ent⸗ ſtanden, verſchwand ſie auch ebenſo ſchnell wieder, als der, deſſen Befehl ſie gezogen, ihrer nicht mehr bedurfte. Als Napoleon im Jahr 1809 in Schönbrunn war und ihm die Staffetten der Feldpoſt nicht ſchnell genug nach Straßburg gingen, wurde zwi⸗ ſchen beiden Orten eine Telegraphenlinie errichtet, die auch das Vils⸗ und Neckarthal durchlief; leichte Baracken wurden auf den Höhen erbaut und ein polniſches Bataillon aufgelöst, deſſen Leute den Dienſt dabei verſehen mußten— auf jeder Station befanden ſich drei Mann, welche vermittelſt vier farbiger Fahnen die Zei⸗ chen erhielten und weitergaben. Die ganze Geſchichte dauerte


