Ein Eiſenbahnbild. 275
Von der Bergwand gingen wir über die Neckarbrücke durch Cann⸗ ſtatt, an dem Ufer des Fluſſes dahin, bei Weinbergen vorbei; niederhängende Zweige, Obſtbäume aller Arten ſtreifen den Wagen; die alte bedächtige Chauſſee weicht dem tollen ungeſtümen Stief⸗ bruder kopfſchüttelnd aus, und leidet es geduldig, daß er ſie hie und da kreuzt, beiſeite drückk, ihr den alten Platz nimmt oder gar, wo ſie gezwungen iſt, mühſam eine Anhöhe zu erſteigen, raſſelnd und pfeifend geradeaus rennt, mitten durch das Erdreich, durch einen tiefen Einſchnitt, um wieder hervorzuſtürmen, wo ſie es ſo gar nicht vermuthet hat— die gute, wohlbekannte, zer⸗ tretene, lehmichte Schweſter! Geht es doch dem Fluſſe da drunten, der doch noch viel älter iſt, um kein Haar beſſer; auch er wird bedrängt und eingezwängt; wo ſonſt der Uferrand ſo ungezwungen und lieblich hinabging, hat man ſtarre Mauern aufgeführt, wo er ſich im ſeligen Nichtsthun ſo breit und gemächlich zwiſchen Riedgras und Weidengebüſch gehen ließ, hat man ihm ſeine Frei⸗ heit genommen, und er mußte manch ſchönes, ſchattiges Plätzchen abtreten für den da oben, der ihm nicht nur ſo viel Poeſie, ſondern auch ſo viel tägliches Brod genomfſnen— aber mit dem Parvenu fliegen wir luſtig dahin! Untertürkheim, Obertürkheim, Eßlingen, Plochingen haben wir erreicht und dabei ſo viel Schö⸗ nes geſehen, ich weiß nicht, ob es Andern auch ſo ergeht: Stein⸗ haufen, Weidengebüſch, Pappelalleen, Feldwege, Hecken und Bäche, alle erſcheinen in ſo eigener Form und nehmen eine ſo er⸗ ſtaunte, überraſchte Miene an, wenn wir vorbeifliegen und ſie zurückbleiben müſſen. Die Pferde dort auf der Chauſſee ſind ſchon reſignirter, ebenſo die Handwerksburſche auf dem Fußwege, und würdigen uns keines Blickes; die Berge thun auch ſo, als


