— 220—
Ferrner, muß man ſolchen Leuten nicht die Berechtigung geben, ein zweideutiges Wort zu reden.“
„Allerdings mein einziger Sohn, ich fühl' wahrhaftig mich jetzt ganz glücklich, nur den einen zu beſitzen, ein halbes Dutzend ähnlicher könnte mir zu ſchaffen machen, ich weiß nur nicht, wo der Junge die Gabe her hat, ſich ſo leicht in der Gunſt aller Menſchen feſtzuſetzen.“
„Auch ein Erbtheil Deiner ſeligen Frau,“ ſagte die alte Dame, wobei ſich ihre Lippen faſt unmerklich kräu⸗ ſelten,„iſt er nicht leidlich hübſch, liebenswürdig, wenn er es ſein will, von weichem Gemüth und beſcheiden?“
Graf Willibald ſtieß ein kurzes, rauh klingendes Lachen aus, ehe er erwiederte:„Ja, ſo iſt er allerdings, ſobald es etwas zu erreichen gibt, auch hat er ebenfalls etwas von Ihrem feſten Charakter, Mama; aber er hat dieſe Feſtigkeit noch nie zum Guten benützt, ich habe Schlimmes von ihm gehört, Böſes, Garſtiges, in Folge deſſen ich mich veranlaßt ſah, ihn auf ſechs Monate beurlauben zu laſſen und feſt in meiner Hand zu behalten; gebe der Himmel, daß es etwas nützt— doch nun zu Angenehmerem, was ſchreibt Ihnen Hilde⸗ gard?“
Die alte Dame hatte den Brief, den ſie in ihrer Hand hielt, langſam zuſammengefaltet und erwiederte nun, indem ſie wiederholt die dünnen Lippen mit dem


