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„O, wie könnten Sie Feinde haben?“ rief er laut und erregt aus,„Sie, ſo liebenswürdig und ſo ſchön, ſo voller Milde und Anmuth in jedem Ihrer Worte, in jedem Ihrer Gedanken.“
„Wie Sie mich falſch beurtheilen!“ entgegnete ſie mit einem eigenthümlichen Lächeln,„wie ich Ihnen hier erſcheine, bin ich, trotz einer trügeriſch glänzenden Außen⸗ ſeite, doch ſo vollkommen paſſend zu dem Bilde auf Ihrer Staffelei, paſſend zu den Gefühlen einer Unglücklichen, die mit dem Leben abgeſchloſſen hat.“
„Sie, gnädige Frau?“ ſprach er im Tone des höch⸗ ſten Erſtaunens.
„Ja. Als Darſtellerin jenes Bildes, welches vielleicht prophetiſch auch meine letzte Stunde wiedergibt.“
„Ah, Sie ſcherzen,“ rief der junge Maler mit an⸗ genommener Heiterkeit, und fuhr dann in dieſem Tone fort:„wenigſtens werden Sie mir zugeben, daß in einem ſolchen, aber ganz unmöglichen Falle der einfache leuch⸗ tende Reif über der Märtyrerin eine glänzende Strahlen⸗ krone ſein müßte.“
„O nein, o nein— er müßte ganz verſchwinden über meiner Leiche; wenn ich auf dem Grunde eines ſtillen Sees ruhte, dürfte nichts Leuchtendes zu ſehen ſein, am aller⸗ wenigſten ein Heiligenſchein,— die Waſſerlilien, welche auf mich herabſchauen, müßten ſcheu ihre Köpje von mir wenden.“ Hackländer, Geſchichten im Ziczag. 1. 16


