Teil eines Werkes 
1. Bd. (1874)
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als er ſich wieder vollſtändig geſammelt, legte er lang⸗ ſam Palette und Malerſtock hin, trat einen Schritt zu⸗ rück, um das Bild zu betrachten, wobei er ſeine Augen mit der Hand beſchattete und zu gleicher Zeit in ruhigem Tone ſagte:Ah, gnädige Frau, Sie ſind pünktlich wie immer!

Dann wandte er ſich um.

Die eingetretene Dame war in einen langen braunen Mantel gehüllt, deſſen Kapuze ſie über den Kopf gezogen hatte. Sie bot ihm freundlich einenguten Tag und trat dann vor das Bild hin, daſſelbe betrachtend, während der junge Maler hinter ihr ſtand. Kopfnickend löste ſie hierauf die Agraffe des Mantels, warf die Kapuze mit einer anmuthigen Bewegung über den Kopf herab und dankte, ohne ſich umzuſchauen, für den kleinen Dienſt, den er ihr dadurch erzeigt, daß er das Gewand von ihren Schultern nahm, um es auf einen Stuhl in der Ecke des Ateliers niederzulegen, nachdem er vorher verſtohlen ſeine Lippen darauf gedrückt.

Da ſtand ſie nun, die prächtige Geſtalt, ſo einfach und doch wieder ſo vortheilhaft angezogen, und während er langſam näher ſchritt, betrachtete er ſie mit düſteren, gierigen Blicken. In dieſen herrlichen Formen waren Anmuth und Kraft zu einem eben ſo harmoniſchen als graziöſen Ganzen verbunden; ihre Haltung war gebietend,