Neunzehntes Kapitel.
Sie hatte ſich gegen ihren Bruder gewandt und blickte ihn ſtarr an, wobei man aber deutlich an dem Ausdrucke ihrer großen, glänzenden Augen ſah, daß ihre Gedanken anderswo beſchäftigt waren, was auch der Polizeirath zu bemerken ſchien, denn er erhob ſich, trat lächelnd auf ſie zu und ſagte, ihre Hand ergreifend:
„Wahrhaftig, Sophie, überlege dir das mit den ver⸗ loren gegangenen Hausſchlüſſeln, du könnteſt mir und ihm dadurch einen großen Dienſt erzeigen.“
„Alſo morgen früh um ſieben Uhr,“ ſagte ſie, tief und ſchwer athmend;„aber da iſt es ja noch dunkel.“
„Im Gegentheil, hell genug, um ſeinen Mann auf fünf oder zehn Schritte zu ſehen— man ſieht, daß du ſpät aufſtehſt.“
„Ja, das iſt wahr,“ gab ſie träumeriſch zur Antwort, um aber gleich darauf mit ihrer gewöhnlichen Lebhaftig⸗ keit hinzuzufügen:„Du wirſt mit mir zufrieden ſein, Jo⸗ ſeph, das heißt mit der Verſchwiegenheit, die ich deinem Vertrauen entgegenſetze— alſo du glaubſt wirklich, das
Duell verhindern zu können, ſelbſt wenn Herr Welden auf
dem Kampfplatze erſcheint?“
„Selbſt dann noch— doch wäre es mir allerdings lieber, wenn er die gegebene Friſt von drei Tagen frei⸗ willig verlängern wollte; es iſt aber dazu nicht die ge⸗ ringſte Ausſicht vorhanden— verſuche du einmal deine Ueberredungskunſt.“


