Teil eines Werkes 
2. Bd. (1868)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

Zehntes Kapitel. 19

Bänder über die rechte Schulter hinüber, richtete ſich ſtolz und gerade auf und ſagte:„Keine Rückſichten, meine Damen, keinen Zwang; Sie wiſſen wohl, daß es Lagen in dieſem Leben gibt, in denen man ſich beſſer an die Freundſchaft, als an die Verwandtſchaft anſchließt.“

„Sehr wahr, Frau Reviſorin,“ ſagte die Oberkriegs⸗ räthin.

„Auch habe ich wahrlich keine Urſache dazu,“ fuhr die Hauswirthin fort, indem ſie nun das andere gelbe Band über die betreffende Schulter warf.„Man iſt ſeinen Ver⸗ wandten nur ſo lange Rückſicht ſchuldig, als man von ihnen rückſichtsvoll behandelt wird.“

„Gewiß, gewiß— o gewiß!“

„Ich ſagte es ja früher ſchon,“ warf hier die Ober⸗ kriegsräthin achſelzuckend ein,„daß ich durchaus von keiner Geſellſchaft wüßte, wo die Frau Stadtſchultheißin hätte verpflichtet ſein können; ich kenne ſo ziemlich alle Einla⸗ dungen in unſeren Kreiſen.“

„Das wäre am Ende Nebenſache. Du lieber Gott, wenn man eine ſo hohe geſellſchaftliche Stellung einnimmt, wie mein Herr Schwager, der Stadtſchultheiß, ſo begreift es ſich, daß man ſehr von oben auf arme Reviſorsleute herabſieht!“

Da dieſe Worte von einem ironiſchen Lächeln begleitet waren und die Hauswirthin dabei ihre Blicke über den