Neuntes Kapitel. 235
Hunderttauſend zu gebieten in den Zerſtreuungen und in dem Strudel der ſogenannten Welt. Mir dagegen wird es ſchon ſchwerer, mit meinem Gewiſſen zurecht zu kommen. Iſt mir doch der alte Thurm beinahe unheimlich gewor⸗ den, da nun das, was dort ſo lange geſchlummert, ins wirkliche Leben eintritt! Und doch möchte ich nicht mit ihm dahingehen, ich würde mich da draußen fürchten vor einem Schlage, der mich unverſehens niederſtreckte. Kommt mir doch jetzt die dunkle Hinterſtube, wo die alte Frau liegt, mehr als je wie ein ſicherer Zufluchtsort vor! Ich will mich zu ihr ſetzen, und ſie ſoll mit ihrer guten, weichen Stimme von dem erzählen, was man ihr aus guten Büchern geſtern Abend vorgeleſen.“
So that denn auch der alte Diener des Freiherrn. Er trat mit leiſen Schritten in die halbdunkle Hinterſtube, wo auf einem reinlichen Bette eine bejahrte Frau mit guten, ſanften Zügen lag. Sie reichte ihm ihre ſchmale, weiße Hand, die er herzlich zwiſchen ſeinen knochigen Fingern drückte, und ſie ſchien es gern zu hören, als er ihr nun erzählte, daß der gnädige Herr da geweſen ſei, daß er aufs theilnehmendſte nach ihr gefragt und ſich die Räume des alten Thurmes wieder einmal angeſehen habe.
„Er hat doch nicht die Abſicht, jetzt das Haus zu ver⸗ kaufen?“ fragte ſie mit ſehr leiſer Stimme in ängſtlichem Tone.„Jetzt, wo ich ſo krank bin!“


