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dann letztere ihr Möglichſtes thut, um nicht hinter den Rekruten zurückzubleiben. Beide Theile ſchielen eiferſüchtig zu einander hin und jeder ſucht den andern an Genauigkeit zu überbieten. Der Haufe der Zuſchauer, die ſich immer ſehr zahlreich einfinden, iſt in gleicher Er⸗ regung und tritt bald zu dieſem, bald zu jenem Corps, je nachdem da oder dort das Exerzitium exacter und prompter ausgeführt wird. Wie bei einem Wettrennen feuert der Volkshaufe beide Parteien durch lautes Geſchrei zu immer größerer Anſtrengung an, und das Regiment, das nach der Anſicht des Demos am beſten exerziert hat, wird mit lautem Jubel nach der Stadt zurückbegleitet. Die Menge, in der die Meiſten ſelbſt Soldaten waren, irrt ſich ſelten, und wenn der Sieg gewöhnlich der Landwehr zuerkannt wird, ſo iſt dies nicht Parteilich⸗ keit; man muß im Allgemeinen wirklich anerkennen, daß die geſetzten, ruhigen Männer der Landwehr nach wenigen Tagen beſſer exerziren, als die jungen Leute der Linie.
Mit der Reiterei hält es freilich etwas ſchwerer wegen der fehler⸗ haften, kaum gerittenen Pferde. Dieſe Thiere kommen vom Wagen des Fiakers, vom Pfluge des Bauern, aus den Ställen der Ver⸗ miether und haben alle möglichen Untugenden an ſich, hauptſächlich die, daß ſie neben fremden Pferden nie ruhig gehen und einander vorauseilen wollen, wodurch ein beſtändiges Anprellen, Vorſpringen und ſo ein Zerreißen der Fronte entſteht. Doch ſchon während der Vorübungen, welche etwa vierzehn Tage dauern, gewöhnen ſich die Pferde, mit einigen Ausnahmen, an einander, und es wird bald mög⸗ lich, ſelbſt in ſchnellerer Gangart mit dem Regimente vorzugehen. In dieſem Zeitpunkte iſt, was die Haltung und das militäriſche Ausſehen betrifft, der Landwehrmann von dem Linienſoldaten nur dadurch zu unterſcheiden, daß erſterer viel kräftiger und energiſcher auftritt und einen größern Bart trägt als dieſer, der kaum erſt in das Alter ge⸗ treten iſt, wo uns die Natur dieſen Geſichtsſchmuck bewilligt.
Nach den Vorübungen wird die Landwehr in Brigaden und Di⸗ viſtonen zuſammengezogen. Jedes Infanterieregiment beſteht aus drei Bataillonen und einem Reſervebataillon und wird von einem Major der Linie commandirt. Auch jedes Reiterregiment zu drei Escadronen hat eine Reſerveescadron. Die Bataillone und Escadronen werden von dem betreffenden Landwehrmajor, der auch den jährlichen Appell abhält, befehligt; aber die Compagnieführer ſind meiſt Offiziere aus der Linie, zuweilen aber auch avancirte Landwehrlieutenants. Für und wider dieſes Einſchieben der Subalternoffiziere der Linie in die Landwehr iſt beſonders in neuerer Zeit viel geſprochen und geſchrieben
worden. So viel iſt gewiß, daß der Landwehrmann eine kameradd
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