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Kreisſtadt gebracht werden müſſen, damit dort die zum Dienſt der Reiterei und des Fuhrweſens nöthigen und tauglichen ausgewählt wer⸗ den. Zugleich ſind vom Commando des Armeecorps die Linienoffiziere bezeichnet worden, welche als Hauptleute und Regimentscommandanten bei der Landwehr den Dienſt verſehen ſollen.
4 kommt denn der Tag, der Alles in der Provinz in die größte Bewegung erſetzt. Die Landwehrmänner ziehen von ihren Dörfern oder Städten in großen Haufen nach dem Verſammlungsort, und wer nicht weiß, von was es ſich handelt, könnte an eine Völkerwanderung glauben. Da fährt nun dem ehrſamen Schmied⸗ und Webermeiſter der alte muntere Handwerksburſche in die Knochen. Die beſtaubten und längſt vergeſſenen Attribute dieſes luſtigen Standes, das ſchwere Felleiſen und der knotige Wanderſtab werden hervorgeſucht, hinter dem Ofen hervor langt er eine alte Regimentsmütze, die er während ſeiner Dienſtzeit getragen, und iſt der Einberufene ein Reiter, ſo werden die Stiefeln ſchon zu Hauſe mit großen Sporen beſetzt, damit man gleich auf dem Marſche ſieht, er gehöre zu dem bei den Mädchen weit re⸗ nommirteren Pferdevolke. Die Zeit vor dem Ausmarſch zu den Ma⸗ növern iſt eine Zeit der Thränen und der Noth, und man könnte wirklich glauben, es gehe gegen den Feind und der Abſchied ſei auf Nimmerwiederſehen. Da werden alle zarten Verhältniſſe noch einmal genau durchgemuſtert, die ſchadhaften entweder ausgebeſſert und für die Ewigkeit prolongirt, oder zerriſſen. Wenn ſich der Landwehrmann freut, wieder einmal eine Weile mit ſeinen alten Kameraden luſtig zu verleben und ein Glas über den Durſt trinken zu dürfen, ohne daß er dafür zu Hauſe eine Gardinenpredigt erwartet, ſo ſehen die Zurück⸗ bleibenden dem Auszug der Soldaten mit weit minder behaglichem
Gefühle zu. Weib und Kinder haben daheim nicht ſelten mit Nah⸗
rungsſorgen zu kämpfen, und die Geliebte entläßt ihren Jüngling faſt mit denſelben Gefühlen, als ſähe ſie ihn den Kugeln des Feindes ent⸗ gegen ziehen. Ach! und ſie hat nicht Unrecht. In was für neue Verhältniſſe kann er kommen! und die Angriffe ſchöner Augen, denen ſich ſein Herz bloß ſtellt, ſind für ihre Liebe wohl gefährlicher, als das Kleingewehrfeuer.
Die Comptoirchefs und die alten Handwerksmeiſter ſind in dieſen Tagen verdrießlicher als je; denn Feder, Elle und Nadel werden nicht mehr gehandhabt wie ſonſt; die jungen Leuten erzählen einander von
den Heldenthaten, die ſie auszuführen gedenken, ſingen Kriegs⸗ und Schelmenlieder, und auf mancher Oberlippe erſcheint vorwitzig ein,
beſonders bei den alten Kaufherren hoch verpönter Schnurrbart. Endlich gerathen die Kreisſtädte in die lebhafteſte Bewegung. Di Landwehrmänner ſind angelangt und umſtehen das Rathhaus in alle


