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Humoristische Erzählungen / von F. W. Hackländer
Entstehung
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für drei, vier Bekannte, die es nicht für gut gefunden hätten, beim Appell zu erſcheinen, auf ihre Namen mitHier antwortet. Nachdem die Compagnie verleſen und die Fehlenden notirt ſind, läßt der Major einen Kreis ſchließen, theilt der Compagnie mit, was im Laufe des halben Jahrs im Bataillon vorgefallen iſt, als da ſind Urlaubs⸗ bewilligungen, Arreſtverleihungen, kurz Alles, was die Soldaten an⸗ geht, und entlaͤßt darauf die Mannſchaft mit einer Rede voll Salbung.

Etwas ganz Anderes als dieſe jährlichen Muſterungen ſind die kleinern und größern Manöver. Schon bei den erſtern wird die Land⸗ wehr in Regimenter und Brigaden zuſammenberufen, erhält Waffen und Montirungsſtücke und exerziert vierzehn Tage bis drei Wochen in verſchiedenen Bezirken. Alle vier bis ſechs Jahre wird nun aber ein ſogenanntes großes Manöver abgehalten, an welchem ein oder, wie in dieſem Jahre, zwei Armeecorps Theil nehmen.

Wenn es ſchon bei den gewöhnlichen Appells und kleinen Ma⸗ növern ſchwer hält, Urlaub zu erhalten, ſo iſt es dem Landwehrmann faſt unmöglich, ſich vom Dienſt bei den großen Manövern zu befreien. Wer nicht die in's Kleinſte eingreifende Pünktlichkeit des Landwehr⸗ inſtituts kennt, begreift freilich ſchwer, daß es dem Einzelnen nicht möglich ſein ſollte, in der Maſſe zu verſchwinden. Aber wie der Herr der himmliſchen Herrſchaaren die Haare auf unſerem Haupte zählt, ſo weiß der Landwehrfeldwebel genau, wie es um jeden ſeiner Unter⸗ gebenen ſteht. Er hat ihn vielleicht nie geſehen und weiß dennoch von der Farbe ſeiner Haare bis zum Untergeſtell des Körpers, die beſon⸗ dern Kennzeichen mit eingeſchloſſen, ganz genau, wie der Mann aus⸗ ſieht; ja ſeine Laſter und Untugenden ſind in den Annalen der Regi⸗ menter für ewige Zeiten niedergelegt, und dieſe Zeugen der Vergangenheit können oft recht unangenehm in die Gegenwart hinüber ſpielen.

Die Landwehr kann unglaublich ſchnell zuſammengezogen werden. Alle Vorräthe ſind da; Uniformen, Waffen, Geſchirre hängen, Num⸗ merweiſe geordnet, in den Zeughäuſern und ſind raſch ausgegeben. Auf dem Bureau des Landwehrmajors liegen gedruckte Einberufungs⸗ zettel unterſchrieben bereit, in denen nur das Datum ausgefüllt zu werden braucht. So kommt denn an einem ſchönen Morgen mittelſt Telegraphen von Berlin der Befehl, die Landwehr dieſes oder jenes Armeecorps in kürzeſter Zeit zuſammenzuziehen. Eine halbe Stunde darauf gehen Eſtafetten an die betreffenden Bataillonscommandanten, welche die Einberufungszettel augenblicklich ausfüllen und den verſchie⸗ denen Landräthen überſenden. Dieſe wiſſen innerhalb vierundzwanzig Stunden jedem Manne dieſe geſchriebene Ordre zuzuſtellen und haben außerdem die Verpflichtung, alsbald eine Bekanntmachung zu erlaſſen, nach welcher alle Pferde des Kreiſes an einem beſtimmten Tage in die