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Humoristische Erzählungen / von F. W. Hackländer
Entstehung
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Appell, der jährlich zweimal die Landwehr zuſammenruft, iſt gar nicht zu reden; dieſe Verſammlungen werden von den Leuten meiſt als Luſt⸗ partieen angeſehen. Der Appell wird in der Nähe ſelbſt jedes größern Dorfes Compagnienweiſe abgehalten. Man wählt hiezu gewöhnlich den Sonntag, um keine Arbeitszeit zu verderben. Außer den Land⸗ wehrmännern ſelbſt findet ſich eine Menge von Zuſchauern aller Claſſen ein, und ein buntes Gewühl bedeckt den Platz. Schenkwirthe und Markedenter haben ſich ebenfalls eingefunden, und wenn nicht der luſtige Ton der Fidel fehlte, könnte das Ganze für ein Volksfeſt gel⸗ ten; es wird dabei gelacht, gejubelt und zuweilen etwas geprügelt, gerade wie bei den Kirchweihfeſten. Die Soldaten, die hier manchen alten Bekannten treffen, den ſie vielleicht im ganzen Jahre nicht ge⸗ ſehen, und ſich dabei mancher Streiche aus dem Garniſonsleben erinnern, necken einander, und ſelbſt geſetzte Familienväter gedenken mit Luſt der Zeit ihres Rekrutenſtandes und lachen und ſcherzen, als habe ihnen ſo eben erſt der Capitän d'Armes die Exerzierjacke ange⸗ zogen. Natürlich erſcheinen dabei Alle in ihren Civilkleidern, und nur die Lieutenants, die geſtern noch mit der Feder hinter'm Ohr ihren heutigen Soldaten die Rechnungen ausgeſtellt oder fertige Waaren abgenommen, brüſten ſich in ihren Uniformen, ohne ſich heimiſch darin zu fühlen. Bald zwängt ſie der ſteife Kragen, bald kommt ihnen der Degen zwiſchen die Beine, und ſo ſehr ſie ſich bemühen, recht mili⸗ täriſch auszuſehen, ſo blickt doch beſtändig ihr friedliches Gewerbe ſtö⸗ rend aus dem Waffenſchmucke hervor.

Endlich kommt etwas Ruhe in den bewegten Haufen; man ge⸗ wahrt den Landwehrmajor, der mit ſeinem Adjutanten zu Pferde auf dem Appellplatze erſcheint. Ihm folgt der Feldwebel, der ſich vor ſei⸗ nen Kameraden in der Linie durch ein noch würdevolleres, gemeſſeneres Benehmen und eine weit ſtärkere Brieftaſche unterſcheidet, die zwiſchen dem zweiten und fünften Knopfe ſeiner Uniform wie ein Vorgebirge hervorſieht. Daß ſich der Feldwebel der Landwehr an ſolchen Tagen ein großes Anſehen zu geben ſucht, iſt ſehr natürlich; er iſt ein ent⸗ laubter Stamm, dem innen im Marke die ſchaffende Gewalt wohnt, die ſchaffende Gewalt der Landwehrliſte, die ihm am Appelltage wie mit einem Zauberſchlage eine dreimal größere Anzahl Untergebener zuwirft, als ſeine Collegen in der Linie commandiren. Beim Er⸗ ſcheinen des Majors und des Feldwebels ordnet ſich der Haufen der alten Soldaten von ſelbſt in drei Glieder und bildet eine Fronte; der

Feldwebel liest darauf die Namen Aller ab, die zu ſeiner Compagnie

gehören und demnach auf dem Platze ſein müſſen. Jeder Gerufene

tritt aus dem Gliede und ſtellt ſich einige Schritte abwärts, ſo eine

neue Linie bildend, damit keine Unterſchleife vorkommen und etwa ei