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Tief iſt der Rhein, Doch tiefer die Pein In meinem Herzen,
ſang die Fee auf ihrem Felſen in lang gehaltenen, ſchmerzlichen Tönen, 8 ſo daß das Laub aufzitterte und die Wellen des Stromes ihr Beifall 4
plätſcherten.„Hört Ihr!“ rief der junge Mann, nſie hat ein Herz und fühlt in ihrem Herzen, ſie iſt traurig. Schifft mich über, Fiſcher, ich muß hinauf. Es iſt das Herz, welches ich lange geſucht, ich fühle es durch dieſe Töne, welche meine Bruſt erwärmen und mit unend⸗ licher Glut erfüllen. Schifft mich über, oder ich ſpringe in den Fluß und verſuche an's andere Ufer zu ſchwimmen.“—„Gott im Himmel!“ ſprach der Fiſcher,„ſoll denn die Hexe wieder ein Opfer haben! Laßt doch ab, junger Herr, bleibt hier.— So haltet doch in Teufel's Na⸗ men! ich will Euch fahren!“ Er riß jenen am Arm zurück, der ſich eben anſchickte, in den Rhein zu ſtürzen. Unter ſtetem Fluchen, aber behende, machte der Fiſcher das Boot los, warf Ruder und Stange hinein, und die Beiden ſtießen in den Strom.„Wenn Ihr denn nun einmal in Euer Verderben rennen wollt, ſo hört wenigſtens von mir altem Mann einige Rathſchläge, die Euch vielleicht nützen können.. Klettert vorſtchtig die Felſen hinauf und bereitet Euch, oben angekon⸗-⸗ 6 men, darauf vor, von der Fee mit lautem Lachen und abwehrender Geberde empfangen zu werden, nicht mit liebenden Worten, wie ihr jetziger Lockgeſang; verliert dann in der Beſtürzung über ſolchen Will⸗ komm nicht das Gleichgewicht, ſondern tretet auf ſie zu und ſprecht 4 ſte im Namen Gottes an, dann ſollt Ihr auch gleich die Teufelin er⸗ kennen.“ Jetzt fuhr das Boot in das Schilf am jenſeitigen Ufer, das ſonderbar an den Wänden hinaufflüſterte. Der junge Mann ſprang heraus und wollte in die Felſen, aber der Fiſcher hielt ihn noch einen Augenblick zurück.„So denkt daran, was ich Euch eben geſagt. Wollt Ihr? ich will indeß zu Haus für Euch beten.“—„„Ja, ja, ich werde ſo thun,“u entgegnete jener und eilte davon.„„Warte nicht auf mich!““ rief er noch von Weitem zurück.„„Ich rufe Holüber! wenn ich wieder herunter komme.“—„Darauf werd' ich lange warten,“ ſeufzte der Fiſcher wehmüthig und arbeitete ſich wieder an's andere Ufer; doch oft hielt er mit Rudern inne, und ſah an dem immer dunkler wer⸗ denden Lurley⸗Felſen empor. Er hörte die Waſſerjungfrau ſingen, doch der Jüngling war zwiſchen dem Geſträuch und den Zacken ver⸗ ſchwunden. Mehre Stunden lag der Fiſcher auf ſeinem Lager in dem kleinen Häuschen und konnte nicht ſchlafen. Stets hatte er ſein Ohr nach einem Fenſter gerichtet, welches auf den Rhein ging, und immer fürch⸗
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