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Humoristische Erzählungen / von F. W. Hackländer
Entstehung
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Hier ſchlägt zuweilen ein ſeltſamer, wundervoller Geſang an das Ohr manches Reiſenden, und lärmte der Dampf noch ſo ſtark, und bemühte man ſich noch ſo ſehr, die Aufmerkſamkeit auf etwas Anderes zu richten, vergebens! ins Innerſte des Herzens dringen die Klänge, welche man vernimmt und von denen man nicht weiß, woher ſie kommen. Wehe beſonders dem, der traurig iſt, dem vielleicht eine unglückliche Liebe die Bruſt zerreißt. Hier hört er verwandte Töne anſchlagen, dort in dem Felſen kennt man ſein Leid und will ihn

tröſten. Tief iſt der Rhein, Doch tiefer die Pein In meinem Herzen. 3 So ſingt es, und das thut die Lurley, die hoch auf dem Felſen

ſitzt und ihr ſchönes goldenes Haar kämmt. Darum faſſe den Maſt, wer dieſen Geſang hört und verſteht, daß er ihn nicht hinabziehe in die Fluthen des Rheins und verderbe! Nicht jeder, der den Strom befährt, ſteht die Lurley und hört ihr Klagen. Ich habe viele reiſende Kaufleute geſprochen, welche mehr wie hundertmal dieſen Weg gemacht hatten, und die ganze Sache für 1 eine Fabel erklärten. Aber ſie iſt doch wahr. Auf ihrem Felſen ſitzt die Jungfrau und ſingt, daß das Menſchenherz, welches ſte hört, in die Höhe ſteht und plötzlich von inniger Liebe zur Sängerin befangen, ſie zu erreichen ſtrebt. Steil ragen die Felſen empor und bieten faſt unüberwindliche Hinderniſſe. Hinan, liebendes Herz! je größer die Mühe, je ſchöner der Lohn. Der Jüngling, welcher für die Lurley entbrannt klettert an der Felſenwand empor und je mehr er ſich ab⸗ mühen muß, um ſo heftiger lodert ſeine Glut, ſtets lockender wird G der Geſang, ſtets ſüßer, Liebe fordernd und verſprechend. Er erreicht den Gipfel und die Lurley verſchwindet mit einem ſchallenden Hohngelächter. Dann verläßt den Unglücklichen der ſichere Tritt, er ſtürzt den Felſen herab, zerſchmettert, todt. Und doch liebt dies ent⸗ ſetzliche Weib, aber ſte iſt eine Kokette. Es iſt noch nicht lange her, da trieb ſich in dieſer Gegend ein junger Mann herum, von dem Niemand wußte, woher er gekommen, noch was ihn hier feſſele. Er hatte ſich bei einem Fiſcher eingemiethet, wohnte aber mehr in den Felſen am Rhein und auf dem Strome ſelbſt, als in ſeiner Stube. Selten ſprach er mit Jemand und nur zuweilen mit ſeinem alten Hauswirth, neben den er ſich am Abend dann und wann ſetzte, wenn derſelbe ſeine Fiſchernetze flickte. Der hatte ihn nun einſt gefragt, was er denn eigentlich in der Welt treibe, und der junge Menſch gab ihm zur Antwort er ſuche ein Herz. Das