in die Arme eineyr ſchönen Nymphe, die auf dem grünen Raſen ruht,
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4. Die Lurley.
Wenn man den Rhein befährt, ſo kommt man zwiſchen Coblenz und Mainz zuweilen an Stellen, wo man glaubt, hier ende der Lauf des Stromes, oder irgend ein neckiſcher Zauber habe den Steuermann geblendet und das Schiff durch eine Seitenſtraße in einen ſtillen, rings von Felſen eingeſchloſſenen See geführt, wo es feſtgebannt manch Jahrhundert liegen müſſe. Wenige Fuß vor dem Kiel heben ſich ge⸗
waltige Steinmaſſen, zwiſchen denen kein Fiſch einen Ausgang fände, und während man dennoch mit großer Tollkühnheit auf dieſe Rieſen⸗ mauern losſtürmt, ſchließt ſich allmählig die Straße, zu der man
hereingefahren; man iſt gefangen, von allen Seiten mit ſteilen Bergen umgeben, in einer großen ſteinernen Falle. Doch hat dieſe momen⸗ tane Gefangenſchaft nichts Unheimliches, abgeſehen davon, daß man weiß, die Berge ſind nur wie Couliſſen vor einander geſchoben und
laſſen genugſam Platz zum Entkommen; man fühlt ſich nicht beengt, man iſt gerührt von der Theilnahme der Berge, die ſich die Hände reichen und lachend um den gefangenen Menſchen einen Reihentanz
bilden, ihn eine kurze Zeit in ihrer Mitte zu halten. Sie geben auf freundliches Anrufen mit tiefer, wohlklingender Stimme Antwort, und die grünlichen Wellen, welche die triefenden Steinzacken umſpielen, rufen mit leiſer Stimme:„Da bleiben! da bleiben!“
Der ſchönſte, aber auch zugleich gefährlichſte dieſer Punkte iſt unterhalb Bingen, wo der dunkelgrüne, ſteil emporſtrebende Lurley⸗ felſen die eine Seite eines ſolchen ſtillen Sees bildet. Hier ſcheinen von einer Seite des Rheins zur andern unſichtbare Ketten zu hangen, welche Mann und Schiff zurückzuhalten ſtreben. Hier arbeitet ſelbſt die Maſchine des Dampfbootes mit ängſtlicher Anſtrengung, um nur recht bald aus dieſem zauberiſchen Bergkeſſel zu kommen. Hier ſprin⸗ gen die Wellen zutraulich an's Schiff und erzählen laut und öffentlich von den wunderſchönen Tänzen, welche die Elfen im Mondſchein auf⸗ führen, von der Schönheit der Königin Lilio und ihren Jungfrauen, wie ſie die Menſchen lieben, beſonders die Jünglinge mit blonden Haaren und blauen Augen. O es ſind gefährliche Weſen, dieſe Wel⸗ len! Man möchte ſo gern, durch ihr Flüſtern verführt, aus em Boot in das Waſſer ſpringen und an die dunkeln Felſen ſchwimmen,
den Kopf mit geſchloſſenen Augen zurückgebogen, und ihren roth Mund küſſen, der ſchelmiſch lachend die weißen Perlenzähne zeigt.


