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auf den kleinen, ungefähr vier Zoll hohen Menſchen, der da oben auf und ab ſpazierte. Der Arzt ſagte mir ganz leiſe:„Du, ich muß dir geſtehen, daß mir die Sache hier ganz unheimlich vorkommt. Es iſt kein Automat, das Weſen lebt, und kann doch den Geſetzen der Natur gemäß nicht leben. Was denkſt du?“—„„Ich denke man⸗ cherlei,“n antwortete ich ihm,„„was ich dir jedoch hier nicht mit⸗ theilen kann. Nachher geh' mit mir, dann wollen wir unſere Gedanken austauſchen.““—„Auch der Alte,“ fuhr der Arzt fort,„iſt mir eine ſonderbare Erſcheinung. Sieh' das ſtiere Auge und die halb traurige, halb lächelnde Mlene, womit er dem Kleinen nachſieht, das ganz regungsloſe Geſicht; er kommt mir beinahe wie ein Automat vor, oder wie ein Weſen, das nur halbes Leben hat, zu wenig, um den ganzen Körper auszufüllen, zu viel, um zu ſterben. Er ſchleppt ſeine Beine über den Boden nach und bewegt die Arme wie ein Gängelllann.“
„Und ſieht aus, wie eine große Kirche bei Nacht, in welcher ſtatt der tauſend Kerzen, welche ſte erhellen, nur die ewige Lampe brennt,“ meinte ein junger Dichter, der neben dem Arzte ſaß.
„Meine Herren und n, ſagte jetzt der Alte im Markt⸗ ſchreiertone,„Seine Majeſtut der König wird die Ehre haben, dem verehrungswürdigen Publikum einige an ihn gerichtete Fragen zu be⸗ antworten.“ Das Geſchöpfchen nickte und ſtieg in ein kleines Käſtchen, das der Alte hingeſtellt hatte, und hierauf dem Nächſtſitzenden mit der Bitte gab, es auf dem erſten Platze circuliren zu laſſen. Nun war
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der große Augenblick gekommen, auf den ſich Alles, beſonders die
Damen gefreut hatten. Da wurde gefragt, und was Alles gefragt, doch war ich zu ſehr mit meinen Gedanken beſchäftigt, um etwas
davon zu hören oder zu behalten. Auch meine Nachbarin ſchien nicht
ſebr auf ihre Umgebung zu achten, ſondern ſah vor ſich hin, als ob ſte die ganze Sache nicht intereſſtre. Bei den Perſonen, an welchen der kleine König ſchon vorübergezogen, ward gelacht und geſpottet, ſich gewundert und das Ganze hie und da für pure Hexerei erklärt. Jetzt kam auch die Reihe an die hübſche Louiſe, die das Käſtchen mit ſichtbarem Zittern der Hände ihrer Nachbarin abnahm. Ich beugte mich hinüber, um zu ſehen, was der Kleine jetzt für Mienen mache, und zu hören, was ſie ihn fragte. Nun hatte ich ſein feines Geſicht⸗ chen ganz in der Nähe und ſah deutlich, daß ein freudiges Lächeln um ſeine Züge ſpielte, ſo wie er in die Hand der jungen Dame ge⸗ langte. Sie beugte ſich auf ihn nieder und fragte ganz leiſe, ſo daß ich es kaum verſtehen konnte: Wer war der junge Mann, der geſtern in meinem Garten war und mit mir⸗ ſprach?“ Der König antwor⸗ tete:„Ach, das war ich ja ſelber; ich hatte einen ſchönen Traum!“
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