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nennt. Da ſchwebten rechts und links Geſtalten auf mich zu, die ich zu gut kannte— die vier Könige, und der Eine fing an zu ſprechen: „Dein Fluch hat uns gebannt: wir werden wandeln und des Men⸗ ſchenlebens Jammer genießen, doch zu deiner Strafe werden wir fünf verſchiedene Weſen bilden und doch eins ſein. Jeder von uns belebt ſich aus dir, indem er dir eine ſüße Erinnerung oder eine Tugend nimmt, welche du beſeſſen und deren Andenken bisher noch einiges Licht in das ſchwarze ſchaurige Labyrinth deines Lebens brachte. Wir werden umher ſchweben, bis unſere Zeit kommt, doch auch du. Fortan wirſt du deine Berzweiflung vergebens dadurch zu lindern ſuchen, daß du dich erinnerſt, du ſeiſt einſt gut geweſen, und ſchöne frohe Stun⸗ den deines verfloſſenen Lebens heraufrufſt; du haſt keine mehr, in deiner Bruſt bleibt nur das Andenken der Sünden, die du begangen.“ Ich fuhr empor, und o Jammer! es ward plötzlich in meinem Herzen ſo, wie ſie geſagt, Nacht, nur Nacht! Sie hatten mein Herz geplün⸗ dert, und mit ſich geführt das Gold, was noch darin lag, was in jeder, auch der ſchlechteſten Bruſt ruht, die ſüßen Erinnerungsſtrahlen, welche das Böſe dämpfen und den Menſchen vor der gräßlichſten Ver⸗ zweiflung und dem Selbſtmorde bewahren! Und in mir ward es nun öͤde und leer, und ich kann mir nicht einmal das Leben nehmen. Was ſie mir geraubt, waren freilich nur Andenken an eine glückliche Jugend⸗ zeit geweſen; aber aus dieſem friſchen Brunnen ſchöpfte ich ja ſtünd⸗ lich, wenn mich der Staub meines ſpätern ſchwarz verſengten Lebens⸗ weges erſticken wollte. Der Eine der Viere hatte meine frohen Träume mitgenommen, bunte Geſtalten, die mich umſchwebten, wenn ich mich in das hohe Gras legte, und mir durch Zuflüſterungen einer frohen Zukunft Hoffnungen, wenn auch falſche, vorſpiegelten, über die ich meine traurige Gegenwart vergaß. 3 1
„Ein Anderer hatte mir die Ruhe der Ermattung genommen,
welche uns befällt, wenn man ſtundenlang gegen finſtere Gedanken
gekämpft hat; ein phlegmatiſches Hinſinken, worin uns, weil wir nicht mehr denken und fühlen, jene unerquickliche Ruhe dennoch an⸗ genehm iſt.
„Ein Dritter entwand mir das Vergnügen, das jedes Geſchöpf empfindet beim Anblick der großen herrlichen Natur. Mich freute nicht mehr der Glanz der Sonne, nicht das ſanfte Licht des Mondes, nicht das friſche Grün der Bäume und die ſchönen Blumen, nichts mehr, nichts mehr! die ganze Schöpfung ſchien mir grau bezogen und ekelte mich an. 3
„Der Vierte endlich leerte mein Herz ganz aus und nahm mir die letzte ſüße Erinnerung, ein kleines Bild, welches ich zuweilen anſah, das mir Troſt und Beruhigung, ſogar Hoffnung gab; das Andenken
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