157
die ich bald allein, bald mit gleichgeſinnten Freunden auf den ſtillen Straßen genoſſen hatte, in denen ich mit dem Geiſterreich Bekannt⸗ ſchaft anknüpfen wollte. Aber jene Zeit lag weit hinter mir. Ich
wandelte in einer Sandwüſte, lebte ſo ruhig bürgerlich, Schritt für Schritt dahin; da ſtieß ich plötzlich auf dieſen Alten, meinem faſt ver⸗ 4 ſchmachteten Geiſte eine friſche Oaſe.
Mein Gegenüber ſeufzte tief auf.„Ich wandle noch immer,“
ſprach er,„einſam, allein unter den fühlenden, fröhlichen Geſchöpfen, den Menſchen, und werde wohl noch lange wandeln müſſen.“
„Darf ich Sie,“ ſagte ich,„auf die Vorfälle jener unglücklichen Nacht zurückführen? Mich hat doch nun einmal das Schickſal in Ihre Begebniſſe eingeweiht. Darum bitte ich, laſſen Sie mich erfah⸗ ren, wie es Ihnen ſpäter ergangen iſt, wie Ihr jetziges Leben mit jenen Vorfällen zuſammenhängt, und was aus den vier Königen ge⸗ worden? Mein Glaube ſchwankt hin und her, in wie fern Ihr aus⸗ geſprochener Fluch auf die lebloſen Blätter gewirkt hat.
„Es erleichtert meine gepreßte Bruſt,“ antwortete das Geſpenſt, 4„wenn ich nach Jahren einem Weſen, das mich verſteht, mein Herz ausſchütten kann.“ Darauf erzählte er mir Folgendes:„Nachdem ich die Ruhe meines Grabes verſpielt hatte, ſprach ich in der Ver⸗ zweiflung, die ſich meiner bemächtigte, den ſchrecklichen Fluch über jene vier Könige aus. Es ward Morgen, der erſte, den ich nach unge⸗ fähr hundert Jahren wieder erlebte. Ich ſtand unter den Menſchen, ſah ihr Getreibe, das mir gänzlich fremd geworden war und mich unheimlich umtoste. Ich ſchritt durch die Stadt, fand kaum die Straßen und Gäßchen wieder, welche mir früher ſo bekannt waren, ſah freie Plätze, wo ſonſt ſtattliche Gebäude ſtanden, und neue Häuſer auf Stellen, wo zu meiner Zeit Gras gewachſen war. Ich ging auch dahin, wo vordem meine Hütte geſtanden; ſie war nicht mehr. Mein wildes, ſinnloſes Leben hatte der Boden nicht tragen können, er war eingeſunken, und wo ich früher gewohnt, ſtand jetzt ein grüner trüber Waſſerpfuhl. Ich bin über mein Grab hinweggegangen, über mein ſtilles enges Grab; ich hätte den Boden aufgewühlt, aber es war kein ruhiger Friedhof mehr wie ehedem. Luſtige Menſchen liefen hier auf und ab und muntere Spiele wurden auf dem Platz gehalten, der doch eigentlich uns gehörte. Ich aber ward erſtaunt betrachtet und ver⸗
ſpottet. Darum verließ ich die Stadt und wandelte den Rhein hinauf, bis es Abend wurde. Da legte ich mich nieder unter einer einſamen Weide; zu meinen Füßen floß der gewaltige Strom; es war derſelbe, an welchem ich als Kind geſpielt, er hatte ſich nicht geändert, war nicht alt geworden. Mein Kopf ruhte auf einem Stein, ich ſchlief nicht, doch verſank ich in einen Zuſtand, den man waches Träumen


