Nacht deutlich lachen und menſchlich flüſtern hören. Auch einer der Gäſte in der Stube, welcher am Fenſter geſeſſen, wollte etwas bemerkt haben: wenn der Wind zuweilen eine der Schilfpflanzen, deren am Hauſe viele wucherten, in die Höhe gejagt, ſo ſei dieſelbe an's Fenſter gefahren und habe mit einem verzerrten menſchlichen Geſichte in die Stube geſchaut.
Dem ſei nun, wie ihm wolle, es ging in der Schenke heute be⸗ ſonders luſtig zu. Oben am Tiſch ſaß Herr Barbatus in ſtiller Ma⸗ jeſtät und ſprach emſig mit dem Herrn von Eckſtein, der ihm nur ein kurzes Lächeln und zuweilen ein paar abgebrochene Sätze zur Ant⸗ wort gab. Neben ihm hatten ſich ein paar Studenten gelagert und
unterhielten ſich mit einigen Freiwilligen über Subordination; jedoch ſchienen ſich ihre Anſichten hierüber nicht recht vereinigen zu können. Weiter unten ſaßen einige Bürger mit weinſeligen Geſtchtern, und das Ende des Tiſches hatten vier der Fremden eingenommen, von denen oben die Rede war. Das waren aber in der That ſeltſame Geſtalten. Der eine hatte eine ſtolze, ſchlanke Figur und feine Manieren, zu wel⸗ chen das zartbleiche Geſicht mit intereſſanten Zügen ſehr gut paßte; ein zweiter, von ſtarkem, unterſetztem Körperbau, hatte dazu einen Kopf, der ſich auch nur auf dieſem Körper gut ausnehmen konnte, ein ſcharf markirtes rothes Geſicht, in welchem ein paar funkelnde Augen einen abſoluten Willen ausſprachen. Beide ſchienen des Be⸗ fehlens gewohnt zu ſein; nur, glaube ich, gebot der erſte, indem er ruhig auseinanderſetzte, das, was er wolle, ſei unumgänglich noth⸗ wendig; er überzeugte, wogegen der andere kurz ſprach: ich will! und wehe, wer ſich ihm widerſetzte! Ein dritter der Fremden ſah aus wie der etwas leichtfertige Sohn einer anerkannt großen und mächtigen Familie, etwa wie ein Erbprinz, dem es mehr darum zu thun iſt, tolle Streiche zu treiben, als durch geſetztes Betragen ſeinem künftigen hohen Stande Ehre zu machen, ein Shakespeare'ſcher Prinz Heinz. Die vierte Perſon ſchien eine untergeordnete Stellung einzunehmen und hatte dabei ganz das Air eines Magiſters der ſchönen Künſte. „Theuerſter,“ ſprach oben am Tiſch zum Herrn von Eckſtein der Herr Barbatus,„laſſen Sie mich doch endlich einmal etwas über Ihre frühern Schickſale vernehmen. Bezeichnen Sie mir doch Ihre Woh⸗ nung; ich möchte Sie gar gern einmal beſuchen;“ worauf der andere entgegnete:„Weiß ich doch ſelbſt nichts von meinem frühern Leben, habe mich nur ſo gekannt, wie ich jetzt bin, nicht kleiner, nicht größer, nicht jünger, nicht älter.“—„Sie waren aber doch einmal gewiß,“ 4 ſagte Herr Barbatus,„ein charmantes Kind. Erinnern Sie ſich denn 4 der fröhlichen Zeit nicht mehr, wo Sie Fenſter einſchmiſſen und die Schule ſchmänzten?“—„Nein, Herr Barbatus.“—„Von Ihrer Hackländer, Erz. 4 10


