Druckschrift 
Humoristische Erzählungen / von F. W. Hackländer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8 10

größten Unbequemlichkeiten zu kämpfen habe, daß ſie nirgends ein Wirthshaus, geſchweige denn ein ordentliches Hoten finden würde, und dann daß weder an einen Wagen noch an eine Sänfte zu denken ſei, hatte ſte endlich Gehör gegeben und war von ihrem Vorſatze abgegangen. Ein anderer Paſſagier dagegen, ein junger Mann, der für einen Engländer ſehr umgänglich und liebenswürdig war, ſchloß ſich uns an, und ver⸗ ließ ebenfalls das Schiff, um unſern Ritt durch die Türkei mitzumachen. Wir Deutſche nahmen jeder nur einen kleinen Reiſeſack mit, der mit der nothwendigſten Wäſche angefüllt war und hatten unſere Kleidung ſo viel wie möglich vereinfacht. Die Hüte blieben natürlich bei unſerm Gepäck auf dem Schiffe und wir ſetzten eine leichte Reiſemütze auf. Der Engländer dagegen hatte einen ſchwarzen Frack an, einen Ma⸗ kintoſh darüber und auf dem Kopf einen Hut. Auch war ſein Gepäck ganz anders beſchaffen, als unſere armſeligen Bündelchen. Als wir uns in den Nachen ſetzten, um über die Donau zu fahren, ſahen wir, daß er zwei koloſſale Nachtſäcke mitgenommen hatte, und auf unſere Frage, was er mit all dem Gepäcke wolle, verſicherte er uns ganz ernſthaft, er habe nur die allernothwendigſten Sachen mitgenommen. Doch wurden wir ſchon im erſten Nachtlager gewahr, was er unter dieſen nothwendigen Sachen verſtand. Das war in einem elenden tür⸗ kiſchen Neſt, ein Haus ohne Fenſter und Thüren, auf einem Lehm⸗ boden ohne Tiſche und Stühle, auf dem wir uns angezogen, wie wir waren, hinſtrecken mußten. Am andern Morgen, ehe wir Uebrigen aufſtanden, war der Engländer ſchon hinausgegangen und ſchleppte bald darauf einen ſeiner Nachtſäcke in die Stube, öffnete ihn und ein vorwitziger Blick, den ich darauf warf, belehrte mich, daß der Sack ganz mit weißer Wäſche angefüllt ſei. Als der Tag herandämmerte, erhoben wir uns auch, und ich, der zufällig neben dem Engländer lag, wollte eben ruhig meine Toilette machen, als er mich erſtaunt fragte, ob ich denn keine reine Wäſche anziehen wolle? Ich entgegnete ihm lachend, daß ich dafür nicht geſorgt habe, worauf er mich mit einem Blick des tiefſten Mitleidens, dem aber eine kleine Doſts Ver⸗ achtung beigemiſcht war, anſah. Wie aber auch die Andern keine reinen Hemden anzogen, war er ganz überraſcht und ſah, während er ſeine Wäſche wechſelte, mit einem wehmüthigen Blick zum Fenſter hinaus. Er blickte wahrſcheinlich einer traurigen Zukunft entgegen, denn er fühlte ſich gewiß ſehr verlaſſen unter uns ſchmutzigen Leuten, die auf einer türkiſchen Landreiſe nicht jeden Tag ein reines Hemd an⸗ zogen. Er hatte von dieſem Artikel beiläufig geſagt zwei Dutzend in ſeinen Nachtſäcken, eine Unzahl von Schnupftüchern und weiter gar nichts. Dieſen Mangel an Reinlichkeit verzieh er uns erſt, als wir ihm vorrechneten, daß wir wenigſtens ſechs Packpferde mehr nöthig