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Humoristische Erzählungen / von F. W. Hackländer
Entstehung
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bahnte. Dann und wann, wenn ſich die Nebel etwas zuſammen ball⸗ ten, ſenkten oder erhoben, blickte einer der Maſten hindurch, auf welchem ddie Flagge mit den ungariſchen Farben flatterte. Am Ufer ſtanden 1 Gruppen von Ungarn, in ihren weißen und ſchwarzen Schafpelzen mit 5 den gut geformten Geſichtern, die dem Boote neugierig zuſahen oder 6 ſich mit ihren kleinen Pferden beſchäftigten, die am Boden liegend vom ausgebreiteten Tuche ihr ärmliches Futter verzehrten und ſich zur harten Arbeit des Schiffziehens ſtärkten. Wir waren Alle froh ſtatt der lang⸗ weiligen nobeln Geſellſchaft, die uns geſtern umſchnatterte, einmal wieder eine andere Welt um uns verſammelt zu ſehen. Fahrt immer zu, den Rhein hinab und hinauf, Ihr Franzoſen und Engländer, und laßt Euch von Eurem Buch den großen Sagenkranz vor Augen zaubern, den jenes Kloſter und dieſe Burg umgibt, laßt Euch immerhin erzäh⸗ len von ſinniger Minne und edler Aufopferung; wir wollen einmal 9 den Glacehandſchuh ausziehen, um dem derben Wallachen die Hand zu reichen und uns von dem kräftigen Ungarn erzählen laſſen:

Bei Semlin ſchlug man das Lager, Alle Türken zu verjagen.

1 Lebt wohl, leichtfertiger Franzoſe und guter, aber langweiliger Sohn Englands, doch was ſeh' ich? Während ich ſo am Fenſter meine Traͤume habe, iſt der Nebel etwas gewichen. Welche Flagge wird da aufgezogen? noch verdecken mir ſie die zerriſſenen Nebelmaſſen doch jetzt hat ſie die höchſte Spitze des Hauptmaſtes erklettert und der friſche Morgenwind egtfaltet vor uns die Farben Englands. Ja, ſie war es, und der dienſtfertige Kellner, den wir um die Urſache

deieſer ſeltſamen Erſcheinung auf einem öſterreichiſcht Schiffe befragten, 4 gab uns die tröſtliche Nachricht: die beſten Kajüten auf dem Deck habe Seine Herrlichkeit der Lord Londonderry eingenommen, der nebſt Ge⸗ 5 mahlin und einer großen Dienerſchaft nach Konſtantinopel wolle. Es

war wirklich ſo verſchwunden waren meine Träume; denn als wir das Boot beſtiegen, ſah ich wohl manche kräftige Phyſiognomie, aber das ganze Schiff hatte nichts mehr vom Charakter des intereſſanten

Landes, dem es angehörte, ſondern ſah ganz engliſch aus.

Auf dem Verdeck mochte man ſich wenden, wohin man wollte, ſo ſtieß man auf eines jener nüchternen Geſtchter mit blonden Haaren, bis an die Naſe in bunte farbige Halsbinden vermummt, die einem

Koörper angehörten, der ſich langſam herumbewegte und ſich eine kleine

Arbeit machte. An dem einen Radkaſten ſtand der erſte Kammerdiener

3 and dackte Silberzeug aus und ein; ein anderer ſaß daneben und die BOeiden drehten jeden Löffel einigemal in den Händen herum, ehe ſte ihn vinem Dritten gaben, der ihn abputzte und wieder weglegte. Neben

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