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Der Künſtlerhof von Granada. 317
Der lange Bildhauer hatte Walter und Rafael an die Brüſtung der Terraſſe geführt, und ohne zu ſprechen, deutete er durch eine Bewegung mit der Hand auf das Rundgemälde, welches ſich hier vor ihren Blicken aufthat.
In dieſem Augenblicke trat Juanita, auf Rodenberg's Arm geſtützt, zu ihnen und ſagte mit heiterem, glückſeligen Lächeln: „Es iſt mein Hausrecht, das ich mir unter keiner Bedingung neh⸗ men laſſe, lieben Freunden die Ausſicht zu erklären!“
„Und wie ſie das verſteht!“ ſagte Rodenberg, ſie mit leuchten⸗ den Augen betrachtend—„gib Acht, Rafael, und ſuche jedes ihrer Worte im Gedächtniß zu behalten, Du wirſt das gut gebrauchen können für Deinen erſten, unſterblichen Artikel von hier.“
Sie lachte ein paar Augenblicke ſo heiter und glücklich zu Ar⸗ thur empor, als er auf dieſe Art mit ihr ſprach, dann aber wandte ſie ſich mit einem ernſten Geſichtsausdrucke zu den Freunden:„Wir befinden uns hier auf dem rechten Ufer des Nenil, der dort unten, verdeckt durch Lorbeer⸗ und Granatbüſche, durch das Thal fließt; vor uns iſt die Albaycin, die ehemalige Ritterſtadt Granada's, jetzt etwas verödet und verfallen, mit verwilderten Gärten und ruinenhaften Häuſern, aber maleriſch durch ihren Pflanzenwuchs, durch ihre hellgrünen, mächtigen Cactushecken, durch die Pracht ihrer Mantelbäume, durch ihre hochſtämmigen, ſchwarzgrünen Cypreſſen. Aber wir laſſen ſie hier unten liegen und er⸗ heben unſern Blick zur Alhambra, ein Wort, das in ſeinem Be⸗ griffe mich immer tief bewegt, denn ich kann es nicht ausſprechen, ohne dabei jene wundervollen, phantaſtiſchen Räume vor mir zu ſehen, die Höfe mit den murmelnden Springbrunnen, Alles das angefüllt mit dem prachtvollen Leben jener glänzenden Zeit; ich kann es nicht ausſprechen, ohne vor mir zu ſehen die Blüthe ſpaniſcher und mauriſcher Ritterſchaft, kämpfend um jeden Zoll breit dieſes blutgetränkten Bodens, glücklich als Sieger, ja, ſelbſt noch glücklich als Beſiegte mit dem Gefühle, wenigſtens
Hackländer's Werke. 56. Bd. 21


