272 Zweiunddreißigſtes Kapitel.
„Nein, vor der Hand nur auf Erden; es iſt wahr, die Knoſpen ſchwellen, die Erde duftet himmliſch, und wenn mich mein gutes Auge nicht trügt, ſo ſehe ich dort vor mir im Graſe ein ſchüchtern emporgeblühtes Veilchen!“
„Wo?“ rief er aus, indem er ſich mit der Schnelligkeit des Gedankens von ſeinem Pferde ſchwang.
„Da, neben dem kleinen, weißen Steinchen— hatte ich Recht?“
„Wie immer, Juanita,“ entgegnete er, indem er ſich wieder aufrichtete und ihr die gepflückte kleine Blume darreichte. Bei der raſchen Bewegung war ihm ſein Hut entfallen, und zu ihr auf⸗ ſchauend, fuhr er mit der Hand über ſeine glühende Stirn.
„Ach, wie das ſo ſüß riecht— wie in uns dieſer Blumenduft ſo lebhaft die Erinnerung an eine ſchöne Vergangenheit wachruft!“ — Sie ſchaute ihn unter ihren langen Augenwimpern hervor mit einem träumeriſchen, unausſprechlich innigen Blicke an.
„O, Juanita!“— Er hob flehend ſeine Hände zu ihr empor, und ſie legte langſam ihre Rechte mit der kleinen Blume hinein.
„O, Juanita,“ wiederholte er in innigem Tone,„es ſoll und muß Frühling werden— oder wollen Sie mich zu einem ewigen, troſtloſen Winter verdammen? Die Erde duftet, die Knoſpen ſchwellen und mein Herz klopft wild bewegt, denn ich liebe Dich, Juanita— ich liebe Dich, wie eine Menſchenſeele nur zu lieben im Stande iſt— und meine Liebe iſt Dir nicht verborgen geblieben, Du haſt es gewußt, mein füßes Geheimniß— o, theile es mit mir!“
In ihrem Auge glänzte es ſo warm und ſeltſam— ſie hatte ihre kleine Hand auf ſeine Schulter geſtützt— er fühlte den Druck derſelben, als ſie eine Bewegung machte, ſich langſam zu ihm herabzubeugen.
Er hob tief aufathmend ſein glühendes Geſicht empor, er fühlte den Hauch ihres Mundes; er hatte kaum noch eine Linie bis zu der unbeſchreiblichen Seligkeit, ihre Lippen auf den ſeinigen zu fühlen, da verſchwanden ſie wie ein roſiger Schimmer vor ſeinem flimmernden Blicke und ihre heiße Wange ruhte eine kleine Secunde lang auf ſeinem lockigen Haar. 3


