O, ſtille dies Verlangen! 259
„Ich meine nur ſo— es iſt beſſer, wenn man einmal in die Lage kommt, ſcharf auszutraben— doch wird's auch ſo gehen.“
„Hoffentlich wird's auch ſo gehen,“ erwiederte der ſanfte Eduard in gereiztem Tone,„und dabei erlaube ich mir, Dir zu bemerken, daß ich durchaus keine Sehnſucht habe, mich durch ſcharfes Aus⸗ traben oder durch allerlei dumme Reiterkünſte auszuzeichnen! Wenn ich auch ſchon öfter zu Pferde geweſen bin, ſo habe ich doch den Sattel nie als meine Beſtimmung angeſehen— weißt Du das, Rodenberg— und verſtehſt Du mich auch?“
„O, ich verſtehe Dich vollkommen, und Du ſollſt ſehen, was Du für einen treuen Freund an mir haſt!“
„Ja—a—a—a, wir wollen das ſehen!“ erwiederte Rüding; aber dieſe ſeine Antwort klang wie ein tiefer Seufzer, denn die Thür hatte ſich geöffnet, und der Haushofmeiſter, der auf der Schwelle erſchien, lud die Herren freundlich ein, hinabzugehen, da ſeine Herrin bereits unten warte.
Von allen Thürmen der Stadt läuteten die Glocken heiter und freundlich zur Mittagsſtunde, und das klang dem ſanften Eduard ſo in den Ohren, als erzählten ſie einander laut und geſchwätzig: „Der Maler Rüding reitet ſpaziren, ſpaziren— ſpaziren reitet der Maler Rüding— Rüding— das iſt gut— das iſt gut,“ brummte die Domglocke.
Juanita ſtand drunten auf der Treppe, reizend anzuſchauen in ihrem dunkelblauen Reitkleide, deſſen lange Schleppe ſie über den linken Arm geſchlagen hatte; die ſchöne, ſchlanke Figur ſo ſtolz er⸗ ſcheinend wie eine Königin, in den glänzenden Augen und auf den friſchen Lippen das heitere, glückſelige Lächeln eines Kindes.
„Was wir für einen göttlichen Tag haben!“ rief ſie Roden⸗ berg entgegen, indem ſie ihm die Hand reichte—„ah, das iſt Ihr Freund, Herr Rüding— unſer Freund!“ ſetzte ſie mit einem ſo gewinnenden Lächeln hinzu, daß die Einbildungskraft des ſanften Eduard ſicherlich einen tollen Seitenſprung gemacht hätte, wenn er nicht gar ſo niedergedrückt geweſen wäre.
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