Die Sonne ſinkt, ihr letzter Schein zergeht. 17
„Meinetwegen denn,“ ſagte der Andere, wobei er ſich zurück⸗ bog, um das Blatt, an dem er eben gezeichnet, aus einiger Ent⸗ fernung zu betrachten;„ich bin auch gerade ſo ziemlich fertig geworden, und was da noch fehlt, kann ich, wenn ich will, zu Hauſe nachholen.“
„Ein ſchönes Blatt,“ meinte Lytton, die Zeichnung betrachtend; „Du haſt aber etwas dazu componirt; denn ſo furchtbar wirr und dabei majeſtätiſch erſcheint die Kluft doch nicht.“
„Wollte ich doch auch keine Anſicht derſelben machen, ſondern ich zeichnete nur etwas zuſammen, was ich irgendwo werde gebrauchen können.— Aber nun komm, Dein Vorſchlag iſt vortrefflich; wir wollen aufwärts ſteigen, um bei vollem Sonnenlichte noch einen Blick auf das Rheinthal zu werfen. Wie iſt's mit der Ausbeute Deiner Fiſcherei?“ fragte Roderich aufſtehend.
„Ich habe ſie drunten im Kühlen verwahrt, bis wir ſpäter wieder vorbeikommen.“
Damit warf er ſeine kleine Taſche über die Schulter, der Andere nahm ſein Skizzenbuch unter den Arm, und ſo gingen ſie aufwärts, dem herabbrauſenden Bache entgegen.
Eine gute halbe Stunde ſtiegen ſie empor in der gleichen wilden, maleriſchen Natur, immer durch die Felsſchlucht, faſt be⸗ ſtändig am Ufer der klaren Düſſel, ſchweigend, betrachtend, denn wohin ſie ihren Blick wandten, die intereſſanteſten Felsformen, die mannigfaltigſte und herrlichſte Vegetation. Iſt es hier doch gerade ſo, als habe die Natur auf den verſchiedenen Felſenabſtufungen Alles bereit gelegt, um das Auge des Malers zu erfreuen und die Hand des Botanikers zu beglücken! Von der kräftigen Eiche an, die hoch oben emporgewachſen in klaffenden Spalten des Geſteines ſtand, vom dichten Geſträuche, das bedeckt iſt mit Beeren in allen Farben und wieder ſchützend ragt über der röthlichen Erika, ſehen wir Hunderte von Pflanzenarten maleriſch die Felſen bekränzen:
Hackländer's Werke. 54. Bd. 2


