Teil eines Werkes 
54. Bd. (1873) Werke
Entstehung
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18 Dreiundzwanzigſtes Kapitel.

die ſaftige Wolfsmilch, den zierlichen Schierling, den duftenden Thymian, den Stechapfel, Veilchen und Waldmeiſter, kryptogamiſche Pflänzchen an den ſchroffen Wänden, die uns von fern wie Riſſe und Schatten erſcheinen, bis tief hinab, wo an den feuchten Ufern des Baches die breitblätterige Brunnenkreſſe wächst und wo wir neben dem lieblich blühenden Vergißmeinnicht die ſchöne, anlockende Beere der giftigen Belladonna ſehen.

Nach langſamem Aufwärtsſteigen blieb Roderich jetzt einen

Augenblick ſtehen und ſagte, auf einen kleinen Fleck zeigend, wo junge Tannen emporwuchſen:Wie wahr iſt es doch, was Du vorhin ſprachſt, daß Alles, was uns in der Natur entgegentritt, maleriſch und voll Poeſie iſt!

Ja, man muß es nur zu finden wiſſen und die ſtumme Sprache der Pflanzen und des Steines verſtehen und wir beide kennen das, nicht wahr, Roderich?

Gewiß, mein Freund.

Deßhalb iſt es mir auch ein ſo unausſprechliches Vergnügen, mit Dir durch Feld und Wald zu wandern.

So ſieh' denn hier die kleinen Tannen an, es ſind noch wahre Säuglinge gegenüber ihren Eltern und Voreltern dort auf der Höhe. Sie ſcheinen hieher auf dieſen beſſeren Boden in Koſt und Wohnung gethan worden zu ſein nun betrachte einmal zwiſchen ihnen dieſe langaufgeſchoſſenen, dürren Gräſer, die ſo pedan⸗ tiſch mit ihren hohlen Köpfen ſchütteln oder ſich beiſtimmend auf und ab neigen. Iſt es nicht gerade ſo, als ſeien ſie den kleinen Tannen zur Aufſicht dahin geſetzt, als ſeien dieſe ſteifen, dürren Demoiſelles die Lehrerinnen dieſer friſchen, luſtigen Waldkinder?

Ja, ja, lachte Lytton,ſchau nur, wie gravitätiſch ſie ſich verbeugen und ſich bedanken für das Compliment, welches wir ihnen ſo eben gemacht; aber da habe ich noch etwas Prächtigeres für Dich. Schau Dir dort jene herrliche Nadelholz⸗Cultur an, von ſo tief⸗ grüner und zarter Farbe, daß es Dir zwiſchen den hellgrauen