So leb' denn wohl, du altes Haus! 259
Auge ſah, nachdem mich Euer eigener Wille zum Seher umge⸗ wandelt— ſchaut dorthin,“ ſagte er nach einer Pauſe, indem er mit der rechten Hand nach Weſten zeigte,„ſeht Ihr dort jene Vogelſchaar, die langſam gen Süden fliegt? Sie zieht dahin über Berg und Thal, über Flüſſe und Seen, über einſame Haiden, über volkreiche Städte, immerfort, immerfort, und wird ſich endlich auf
einem jener glücklichen Länder niederlaſſen, von denen ich vorhin
ſprach, die in unſerer Phantaſie leben und worauf wir ſehnſüchtig hoffen!— Ja, alle hofft Ihr darauf— alle! Aber ſoll ich Euch ſagen, wie viele von uns ſich dort zuſammenfinden werden? Nur drei— und wenn ich wollte, könnte ich ſie mit Namen nennen!“
„Nenne Sie!“ riefen einige mit erhitzten Köpfen.
„Nein, nein, er ſoll ſie nicht nennen!“ ſagten Andere.
„Ich werde ſie auch nicht nennen,“ ſagte der lange Bildhauer in ruhigem Tone;„aber denkt an den heutigen Tag, denkt an die heutige Stunde— nur drei von uns, aber dieſe drei werden ein ſchönes, großes, glückliches, langes Künſtlerleben führen. Was die Anderen anbelangt,“ ſetzte er achſelzuckend hinzu,„ſo werden ſie aus⸗ löſchen, wie die Nachtlichter, ohne recht geleuchtet zu haben, und ihre Namen werden verwehen, wie Rauch im Winde.“
Es war eigenthümlich, wie dieſe Worte des melancholiſchen Bildhauers ſo gar keinen Eindruck auf ſämmtliche Anweſende machten: war doch Jeder überzeugt, daß er unter den drei Glück⸗ lichen ſei, die jener im Geiſte geſehen, und als ſich nun Knorx wieder geſetzt hatte und mit einem eigenthümlichen, traurigen Lächeln um ſich ſchaute, bemühten ſich Alle, die Gläſer zu füllen und mit ihm anzuſtoßen, vor Allen Rüding, welcher ſich nicht ent⸗ halten konnte, ſein Glas dreimal nach einander gegen das des Anderen klingen zu laſſen. 3
In dieſem Augenblick trat Jemand durch die Gartenthür herein, der mit allgemeinem Jubel begrüßt wurde, ſowie man ihn erblickt hatte. 8


