Zweiundzwanzigſtes Kapitel.
auch mit Furcht zu erfüllen, der bei dem ſanften Eduard aber von ſolch komiſcher Wirkung war, daß van der Maaßen laut auf⸗ lachte und Walter ſich veranlaßt ſah, den kleinen, blondgelockten Liebesgott ruhig am Kragen zu packen und etwas unſanft auf den Stuhl niederzuſetzen, wobei er ihm zubrummte:
„Ich bitte mir aus, daß Du Ruhe gibſt— es iſt wahrhaftig um des Teufels zu werden! Will man einmal eine vernünftige Bemerkung machen, ſo fängt dieſes Grobzeug Händel an und ſchneidet Einem die Worte vor dem Maul ab— was wollte ich doch eigentlich ſagen?“
„Ja, wer kann das wiſſen,“ ſagte Rodenberg—„auf etwas könnte ich allenfalls rathen, das Du habeſt ſagen wollen.“
„Und was denn, Bürſchlein?“
„Daß die deutſche Kunſt todt ſei.“
„Nichtig, wir haben das heute noch nicht von Dir ver⸗ nommen.“
„Das könnte man Euch allerdings nicht häufig genug ins Gedächtniß zurückrufen,“ knurrte der alte Maler;„doch es war was Anderes— ich wollte nämlich ſagen, daß Knorx mit einem Epheukranze auf ſeinem merkwürdigen Schädel wie ein alter Druide ausſieht, ungefähr wie der Vater der liederlichen Norma.“
„Wahrhaftig, er hat Recht!“ riefen Bergmüller, Ströbel und ein paar Andere.
„Ja, ja,“ meinte auch Rodenberg;„hängen wir ihm ein weißes Gewand um, und der Seher iſt fertig.“
„Ein Tiſchtuch, ein Tiſchtuch!“ ſchrieen einige Andere, und als das Verlangte raſch gebracht worden war, wurde der lange Bildhauer, der, ſtill lächelnd, Alles mit ſich geſchehen ließ, in größter Geſchwindigkeit und mit außerordentlichem Geſchicke von Walter und Ströbel mit dem weißen Tuche trapirt, dann mit einem ſchnell herbeigeholten Stricke umgürtet, ſo daß er nun in der That mit ſeinem hageren, ausdrucksvollen Geſichte zu einem
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