240 Zweiundzwanzigſtes Kapitel.
„Nennt mich eine Vogelſcheuche und hat nicht einmal einen Begriff davon, wie man das Wort richtig ſchreibt— hier ſteht „Fogelſcheige: Für dieſe Unthat allein, das heißt, daß Du ein ſo grauſam ausſehendes Wort hingeſchrieben, ſollte man Dich durch⸗ hauen— aber ich will auch darüber ein Auge zudrücken, damit Du nicht auf den Gedanken kommſt, als hätte mich die Vergleichung mit einer Vogelſcheuche verletzt. Dummer Kerl, Du haſt wohl keine Idee davon, wie der Drache Griesgram hätte ausſehen müſſen! Nun, ich verzeihe Dir dieſes abſonderlichen Machwerkes wegen, und jetzt, mein Sohn,“ fuhr er mit einem faſt gemüthlichen Tone fort, „muß ich Dir auf mein Gewiſſen wiederholen, daß Du Talent haſt, nicht zur freien, edeln Malerkunſt, ſondern zur Schriftſtellerei.“
„Ach, Herr Walter,“ rief der junge Menſch,„Sie treiben Ihren Spott mit mir!“
„Das fällt mir gar nicht ein,“ erwiederte der alte Maler in ſeinem gewöhnlichen Tone;„ich ſage Dir, Du haſt Talent zur Schriftſtellerei, und wenn ich mich darin nicht irre, und ich irre mich gewiß nicht, ſo werde ich es mir eines Tages für eine gute That anrechnen, Dich erfunden zu haben.“
„Was iſt denn ein Schriftſteller, Herr Walter? Ich weiß nicht recht, was das zu bedeuten hat.“
„Das iſt ſehr ſchwer und ſehr leicht zu ſagen; Schriftſteller ſind Leute, welche gute oder ſchlechte Bücher ſchreiben, ſie drucken laſſen und von dieſem Handwerke leben. Das iſt aber ſchon eine vornehmere Klaſſe von Schriftſtellern, und es gehört ziemlich Talent und Glück dazu: ihre Bücher müſſen dem Publikum gefallen und gekauft werden; das wird wohl nicht für Dich ſein, Rafael, denn um Bücher zu ſchreiben, die geleſen werden, muß man entweder etwas Tüchtiges gelernt oder eine gute Schule des Lebens durch⸗ gemacht haben, und in letzterem Falle daſſelbe erlebt, was Andere ſich mit großer Mühe durch fleißiges Studium angeeignet. Wenn Dein Talent wirklich auch groß genug wäre, ich würde Dir doch


