232 Zweiundzwanzigſtes Kapitel.
beſtellt war, in der Regel auf dem Lande in einem benachbarten Dorfe, hatten an ſolchen Tagen zuweilen auch Einladungen zu Landpartieen und kamen alsdann höchſt ſelten vor ſpät Abends nach Hauſe.
Dieſe freie Zeit benutzte Rafael auf ſeine eigene Art: zuerſt brachte er das Zimmer in Ordnung, ſchaute dabei auch gelegentlich auf die Straße, mehr um zu ſehen, ob nicht einer der beiden Herren vielleicht etwas vergeſſen habe und zurückkomme, als um ſeine Neu⸗ gierde zu befriedigen. War alsdann eine ziemliche Zeit verſtrichen, daß er ſich vor Ueberraſchung ſicher glaubte, ſo ging er an Roden⸗ berg's Kleiderſchrank, den dieſer äußerſt ſelten ſelber öffnete, worin ſich neben den täglichen Anzügen alte Coſtume und benutzte Garde⸗ robe befanden, ſchob dieſe ſorgfälltig bei Seite und brachte ein altes Zeichenbrett hervor, das er mit Malerleinwand überſpannt hatte und welches er nicht ohne Stolz auf der Staffelei ſeines Herrn aufſtellte. Dann nahm er ein rothes Fez von der Wand, welches Rodenberg in früheren Zeiten getragen, ſetzte es auf ſein Haupt und ſtellte den Malkaſten ſeines Herrn, den dieſer ſeit lange nicht mehr benutzt, auf einen kleinen Schemel neben die Staffelei; hierauf ſtellte er ſich vor das Bild und betrachtete es mit großer Genugthuung.
Ja, es war ein angefangenes Bild Rafael's, ſelbſt componirt, ſelbſt aufgezeichnet, ſelbſt gemalt, und man muß geſtehen, daß er bei der Anfertigung deſſelben ſehr ſyſtematiſch und mit großer Um⸗ ſicht zu Werke gegangen war.
Ehe wir die Neugierde des geneigten Leſers befriedigen, müſſen wir, unſere Worte von ſoeben erklärend, noch vorausſchicken, daß Rafael nur einen Kopf gemalt, etwas Hals, ein wenig Schulter und eine Fauſt, die rechts neben dem Kinn zum Vorſcheine kam, daß er alſo gewiſſermaßen ſo klug geweſen war, die Kunſt in be⸗ ſcheidenen Anfängen zu treiben— er hätte ſich ja auch zur Com⸗ poſition eines großen hiſtoriſchen Bildes verſteigen können— und


