Ueber allen Gipfeln iſt Ruh. 281
Aber es kam anders, furchtbar anders,“ fuhr Frau Hildegard mit ſtei⸗ gender Erregung fort,„und wiſſen Sie, Mademoiſelle Conchitta, wohin es mit unſerem heiteren, glücklichen Leben gekommen iſt?“
„Ich weiß es nicht, und es würde mich tief betrüben, wenn das, was Sie mir mitzutheilen die Güte haben, Ihr Herz unan⸗ genehm berührt!“
„Es wird Sie betrüben?— Vielleicht— vielleicht auch nicht! — Wir ſind mit unſerem heiteren und glücklichen Leben da an⸗ gekommen, wo eine Trennung dieſes Leben endigt und Feſſeln bricht, die unerträglich geworden ſind!“
„Ah, Sennora,“ rief Conchitta erſchrocken, indem ſie ihre Hände zuſammenfaltete,„warum ſagen Sie mir ſo ſchreckliche Dinge an dieſem ſchönen ſtillen Morgen— und warum überhaupt mir?“
„Warum gerade Ihnen?— Nun, vielleicht gerade Ihnen, oder—— weil ich Sie zufällig hier traf.“
„Wenn dem in der That ſo iſt,“ verſetzte die Spanierin mit der vollen Wärme, die ſie ſo wohl verſtand, in den Ton ihrer Stimme zu legen, die alsdann anzeigte, daß dieſer Ton von Herzen kam,„o, ſo ſchenken Sie mir Ihr Vertrauen und glauben Sie mir, Sie ſchenken es keiner Unwürdigen!“
„Ich würde dies vielleicht thun,“ erwiederte Frau Hildegard mit ihrer kalten ſcharfen Stimme, die ſo verletzend klang, und vor deren Ton auch jetzt Conchitta zuſammenſchauerte,„ich würde es für außerordentlich nützlich halten, doch da mir jede Lüge fremd iſt, ſo will ich Ihnen der Wahrheit gemäß geſtehen, daß ich nicht zufällig hieher kam, ſondern daß ich Sie, Mademoiſelle Conchitta, hier aufſuchte, um mit Ihnen zu reden.“
„Alſo doch— mit mir, Sennora,— ſo reden Sie denn, ich bitte!“
„Sie erinnern ſich der Zeit,“ fuhr Frau Hildegard nach einer Pauſe fort,„wo Sie— es mag jetzt ein Jahr ſein— zum erſten Male unſer Haus beſuchten?“
Hackländer's Werke. 52. Bd.


