280 Elftes Kapitel.
Frau Hildegard bohrte die Spitze ihres Sonnenſchirmes tief ein in den Sand zu ihren Füßen, und da ſie ſo eine Reihe von Secunden, ja ein paar Minuten vergehen ließ, ohne weiter zu ſprechen, ſo fuhr das junge Mädchen, nicht ohne eine weiche, ſchmerz⸗ liche Bewegung zu verrathen, fort:
„Es gab eine Zeit, Sennora, wo ich glücklich war, wenn Sie mich einer Mittheilung würdigten, eine Zeit, in der es mir die größte Freude machte, Ihnen jede Frage zu beantworten!“
„Wie ſich dieſe Zeiten verändert haben!“
„Ach ja, ſie haben ſich verändert, wir ſind ſeitdem um Wochen, Monate älter geworden— an Erfahrungen reicher!“
„An ſchmerzlichen Erfahrungen!“
„Es ſollte mir leid um Sie thun, Sennora,“ ſagte Conchitta mit Wärme,„wenn Sie nur um ſchmerzliche Erfahrungen reicher geworden wären! Doch wie iſt das möglich bei Ihrem heiteren, glücklichen, ſorgenloſen Leben?“
Die Frau des Malers wandte langſam ihren Kopf herum und ſchaute das Mädchen an ihrer Seite mit einem eigenthümlichen Blicke an, der aber faſt einen ſtarren Ausdruck hatte.
Es iſt ſeltſam, aber die Erfahrung ſpricht dafür, daß wir im Stande ſind, einen ſo feſt und ausdrucksvoll auf uns gerichteten Blick zu fühlen, ohne ihn zu ſehen, und daß das ſo ſtarr auf uns gerichtete Auge uns veranlaſſen kann, ohne zu wiſſen, warum, unſern
.Kopf zu wenden.
So erging es Conchitta; ſie drehte langſam ihr Haupt herum, und als beider Augen ſich begegneten, hielt das junge Mädchen den mehr als leuchtenden Blick ihrer Nachbarin ruhig, ohne die ge⸗ ringſte Verwirrung zu verrathen, aus, ja, unter dem Einfluſſe dieſes Blickes wiederholte ſie ſogar ihre Worte von vorhin:„Ein heiteres, glückliches, ſorgenloſes Leben...“
„So war es einmal, und ſo hätte es vielleicht bleiben können, wenn nicht— nun ja, wenn es nicht anders gekommen wäre.—


