40 Erſtes Kapitel.
kaum im Stande, den Bräutigam in der erſten Zeit zu überzeugen, daß nicht ein ſchändliches Spiel mit ihm getrieben worden ſei, und trotz ſeines feſten Vertrauens in die Ehrenhaftigkeit und Redlich⸗ keit ſeiner Schwiegereltern unterließ er, beſonders aber ſeine Fa⸗ milie, es in den erſten Jahren doch nicht, ſie insgeheim auf's ge⸗ naueſte beobachten zu laſſen, um von all ihrem Thun und Laſſen, ihrem Kommen und Gehen unterrichtet zu bleiben. In allem dem aber, was dieſe thaten, zeigte ſich auch nicht das geringſte Zwei⸗ deutige, vielmehr hielten ſich die armen Eltern in ihrem Palaſte zu Madrid ſtreng zurückgezogen, wie in einem Kloſter, in tiefer Trauer nur ihrem Kummer und ihrem gränzenloſen Elende lebend.“
„Und war die Verſchwundene das einzige Kind der unglück⸗ lichen Eltern geweſen?“ fragte Lytton.
„Nein, ſie hatte noch einen jüngeren Bruder, ein ſchwächliches Kind, das aber noch vor den Eltern ſtarb, worauf dieſe, immer noch in dem Gedanken an die verlorene Tochter und beſonders dar⸗ über tief betrübt, daß durch das unerklärliche Verſchwinden der⸗ ſelben ein Flecken auf der Ehre derſelben geblieben ſei, den ſonder⸗ baren Entſchluß faßten, teſtamentariſch zu verfügen, daß ihr ganzes koloſſales Vermögen dem Schwiegerſohne oder deſſen Nachkommen zufallen ſollte, wenn im Laufe der Zeit die vollkommene Unſchuld ihrer verlorenen Tochter nicht klar an's Tageslicht trete. Da in⸗ deß die Familie des Bräutigams dieſes Teſtament weder annahm noch ablehnte, ſo wurde das hinterlaſſene große Vermögen vom Staate verwaltet.“
„Eine eigenthümlich harte Maßregel für die Seitenverwandten, deren es gewiß gab,“ meinte Baron Hund vom Höllenſteine;„doch hoffe ich, daß dieſes Teſtament angefochten wurde.“
„Laſſen wir die Todten und ihre Reichthümer ruhen,“ ſagte Roderich,„und Conchitta lieber bitten, in ihrer anziehenden Ge⸗ ſchichte fortzufahren.“
Ehe aber Conchitta dieſer Aufforderung Folge leiſtete, ſagte das


