36 Erſtes Kapitel.
„Allerdings, wir ſind mit jenem Hauſe verwandt,“ erwiederte Conchitta in gleichgültigem Tone und fuhr dann in ihrer Erzäh⸗ lung fort:„Nicht als ob die Familie ausgeſtorben oder ſonſt ver⸗ dorben wäre, im Gegentheil, ſie war reicher als jemals und hatte 82 Paläſte zu Madrid und Sevilla. Was ſie aber veranlaßte, das
Schloß nicht mehr zu beſuchen, war eine Begebenheit, die ich Dir
mittheilen will, meine liebe Margarethe, und die zu meiner Ge⸗
ſchichte gehört, in der dann erſt ſpäter die Katze mit der Halsbinde vorkommt.
„Verlaſſen war das Schloß alſo nur von der Herrſchaft, welche in früheren Zeiten den erſten Stock bewohnt hatte, wo es eine unendliche Menge von Sälen, Zimmern und Cabinetten gab, alle gleich ſtill, gleich düſter, da die Vorhänge an den Fenſtern heruntergelaſſen waren, und gleich unheimlich; lange, lange, hallende Corridore liefen vor den Zimmern her, und wenn wir Kinder—. auch ich war zuweilen in dem alten Schloſſe— darin herum⸗ trippelten, ſo ſchallte es vom anderen Ende zurück, als käme von dorther ein ganzes Regiment Soldaten.“ 8
„So haſt Du in dem alten Schloſſe gewohnt, Conchitta?“ fragte das Mädchen—„ach, das muß prächtig geweſen ſein! Du durfteſt in den langen Gängen mit Deinen Bekannten ſpielen und auf dem See im Nachen fahren!“
„Gewohnt habe ich nicht dort,“ entgegnete die Erzählerin, „aber ich war oft in dem alten Schloſſe, denn der Verwalter des⸗ ſelben, der unten wohnte und die weitläufigen Güter bewirthſchaflete, war meinem Vater bekannt, und da durfte ich oft hinaus und auch
wohl Tage lang dort bleiben. Dann ſpielte ich allerdings auch* zuweilen in den langen Gängen des oberen Stockes, hauptſächlich
aber die Knaben des Verwalters mit ihren Bekannten, denn wir
Mädchen waren nicht ſo beherzt und fürchteten immer, etwas Schreck⸗ liches droben zu ſehen, was im Zuſammenhange ſtand mit jener 4
Begebenheit, die ich Dir ſogleich erzählen werde.“


