Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 35⁵
ſeine Hand mit dem Skizzenbuche niederſinken laſſen und war nur noch Zuhörer, während Roderich hier und da ſein Bild leicht mit dem Pinſel berührte.
»Ventecico murmurador« intonirte das junge Mädchen zum Spiele ihrer Schweſter und fuhr dann heiter lächelnd fort:„So ſingt man in Spanien Abends auf der Straße, und wer ſo ſingt oder zuhören darf, wenn Andere ſingen, iſt glücklich— ach ja, Spanien, wo ich geboren, iſt ſchön!“
„Auch dahin will ich einmal reiſen,“ ſagte das kleine Mädchen in ſehr beſtimmtem Tone, wobei es zu ſeinem Vater aufblickte; es liebte es überhaupt, in ſeiner Phantaſie fremde Länder zu beſuchen..
„Dort in Spanien,“ fuhr Conchitta fort,„ſind große, ſchöne Städte, wo viele Menſchen bei einander wohnen. Da das aber manchem Reichen und Vornehmen unbehaglich erſcheint, ſo haben
ſie ſich auf ihren Ländereien prächtige Schlöſſer erbaut, wo ſie einen
großen Theil des Jahres leben. Da aber in dieſer Welt nichts von ewiger Dauer iſt und Menſchen vergehen wie Blumen und Blüthen, ganze Geſchlechter entſtehen und wieder ausſterben, ſo kommt es in Spanien wie auch anderswo häufig vor, daß die Be⸗ ſitzer ſolcher prächtigen Schlöſſer ſterben und verderben oder auch ſonſt keine Freude mehr haben an ihren ländlichen Beſitzungen, und dieſe nun öde und verlaſſen ſind. In der Nähe der Stadt, wo wir lebten, war auch ſo ein altes, prächtiges, aber verlaſſenes Schloß, mitten in einem See gelegen, ein mächtiges, viereckiges Gebäude mit großen Thürmen an den Ecken; wenn ich ſage, verlaſſen, ſo meine ich damit, daß die Herrſchaft, der es gehörte, ſich nicht mehr darum zu bekümmern ſchien und lange, lange Jahre hindurch Keiner von ihnen mehr einen Fuß geſetzt hatte nach Caſtillo de Mon⸗ texey....
„Monterey?“ fragte Olfers mit einigem Erſtaunen—„das iſt ja einer ihrer eigenen Familiennamen?“


