24 Erſtes Kapitel.
gewand, womit ich aber nicht dienen konnte,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu.
„Für Deine heilige Cäcilie,“ ſagte Roderich, während er ruhig fortmalte,„werden die beiden Farben in der That ganz paſſen; aber vergiß nicht, daß die Geſchichte, nach der wir uns nun einmal be⸗ quemen müſſen, von der Prinzeſſin Anna ausdrücklich erzählt: ſie liebte farbige und prächtige Gewänder und war wie zum größten Feſte geſchmückt, als ſie an die Leiche ihres ermorderten Liebhabers trat.“
„Da hätte ich der Geſchichte etwas Gewalt angethan und ge⸗ rade durch ein graues Untergewand ſymboliſch ihre ſpäteren, trüben Tage bezeichnet; aber's iſt traurig, daß ſelbſt Leute wie Du von unſern wälſchen Nachbarn die grellen Farben nachahmen! Es iſt wahr, was ich ſchon ſo oft geſagt und was ich, wenn auch als Prediger in der Wüſte, in die Welt hinausſchreien möchte: die deutſche Kunſt iſt todt!“ Er nahm ſeinen Hut vom Kopfe, zog ein roth carrirtes Schnupfluch aus der Taſche und fuhr ſich damit über ſeine hohe Stirne.
Lytton lächelte und Olfers ſagte zu Walter:„Obgleich es noch früh am Tage iſt, ſo würde man mit Dir doch nicht fertig, wenn wir uns auf dieſes Thema einließen.“
„Damit bin ich kurz, aber ſehr ungenügend abgefertigt,“ knurrte der Andere.„Beweist mir, daß die alte, ſchöne deutſche Kunſt, wo es noch Leute gab, die im Stande waren, einen ver⸗ nünftigen Heiligen zu malen, posito einen Heiligen, der zur An⸗ dacht begeiſtert, nicht todt ſei; nehmt doch einmal ſolche moderne heilige Geſichter, ſtellt euch davor und pfeift für euch ſelber einen luſtigen Walzer— glaubt ihr nicht mit einiger Phantaſie zu ſehen, wie es in den kräftigen, lebensfriſchen Geſichtern irgend einer hei⸗ ligen Katharina oder Eliſabeth anfängt, ſchelmiſch aufzuleuchten, oder wie ein wohlgenährter, ausgefreſſener Altvater oder Apoſtel ſein langes Gewand aufhebt und Luſt hat, nach eurer Melodie zu tanzen?— Ah, ſie iſt todt, die deutſche Kunſt!“


