Reiſeluſt. 235
ganz der Reiſeluſt hinzugeben. In der Reſtauration war heute daſſelbe Gedränge wie auf dem Bahnhofe— er hätte keinen Stuhl erhalten können und wenn er eine Million dafür geboten: die Sängerfahrt hatte ſich aller Sitzgelegenheiten bemächtigt— kein noch ſo beſcheidenes Tröpfchen Bier; die Sängerfahrt hatte alle Fäſſer ausgetrunken und harrte mit großer Ungeduld auf ein bedeutendes Mehr von Nürnberg— kein Stückchen Brod: die deutſchen Sänger hatten wie eine Heerde Heuſchrecken Alles kahl gefreſſen— keinen Becher Waſſer: denn wenn auch der Brunnen neben dem Hauſe in unerſchöpflicher Gutmüthigkeit fort und fort rieſelte, ſo hatte doch ein erfindungsreicher Liedertäfler das Trink⸗ gefäß losgemacht, um es zu ſchnödem Bier zu benützen— und dazu die Schreckensnachricht, daß der Nürnberger Zug vor einer Viertelſtunde abgefahren ſei, weßhalb man bis Nachmittag hätte warten müſſen, wenn nicht des Sonntags wegen heute ein beſon⸗ derer Zug eingeſchoben würde— ein Hoffnungsſchimmer— eine kleine Gunſt des Schickſals.
Da ſaß Herr Schmauder auf der Treppe des Bahnhofes, in ſtiller Ergebung die Hände gefaltet, und hatte die gleichen Gedanken wie die Geſellſchaft der Station Pflaumloch, welche etwas entfernt von ihm Platz genommen hatte, und auch er hätte weinen mögen, wenn er an ſein Zion gedachte, an ſein kleines, ſtilles Eßzimmer mit den alten wohlbekannten Möbeln, an den kleinen Fleck hinter dem Hauſe, von zehn Schuh im Quadrat, mit zwei kümmerlichen Stachelbeerſtauden, wo er, wenn nicht gerade dort Wäſche aufgehängt war, ſeine Pfeife zu rauchen pflegte, an ſein Sonntagsgericht, einem gemüthlichen Kalbsbraten mit weichen, ſchwellenden Kartoffeln oder friſchem, grünen Salat.
Er konnte ſich eines leichten Schmatzens nicht enthalten und hätte ſich wahrſcheinlich noch ſüßer vertieft in dieſe eingebildeten Genüſſe, wenn nicht ein lautes, donnerndes Hoch die Luft und auch ſeine Gedanken zerriſſen hätte.


