Teil eines Werkes 
51. Bd. (1873) Werke
Entstehung
Einzelbild herunterladen

234

Reiſeluſt.

werthen Einſamkeit zu ſein behaglich an einem Baumſtamm lehnend, vor ſich ein Glas guten Weines.

Allein, allein auf weiter Flur, Und eine Morgenglocke nur, Sonſt Stille nah und fern.

Das dachte er aber nicht in ſeinen Träumen, ſondern es ſchlug vielſtimmig an ſein Ohr, als der Zug auf dem Bahnhof in Nördlingen hielt.

Gerechter Himmel! welches Menſchengewühl, welche Unmaſſe nichtsſagender Geſichter mit aufgeſperrten Mäulern, an denen er nun vorüberfuhr und die wie zum Hohne auf ſeinen Gemüthszuſtand und auf ihr eigenes lärmendes Getriebe vonStille nah und fern ſangen und vomAlleinſein auf weiter Flur. In langen Reihen ſtanden ſie da auf dem Trottoir, überragt von bunten Fahnen, Eichenzweigen an Hüten und Mützen, in feſttäglicher Kleidung und feſttäglicher Stimmung eine Sängerfahrt von zwanzig verſchie⸗ denen Männergeſangvereinen und Liedertafeln. Dort befand ſich der Dirigent, etwas erhöht ſtehend, und Herr Schmauder fand in ihm Aehnlichkeit mit dem langen, bienenzüchtenden Schullehrer, doch war dieſer hier gewaltiger in ſeinen Bewegungen jetzt ſtreckte er ſeine Arme mit auseinander geſpreizten Fingern nach beiden Seiten aus, einen Halt in der Muſik anzeigend, dann erhob er beide Fäuſte in der einen den Taktirſtock, mit einer wüthenden Energie hoch über ſeinem Kopfe, und als ſie nun wieder niederfielen, brüllten die Hunderte von Menſchen, die hier verſammelt waren, mit Kraft und Ausdauer:Das iſt der Tag des Herrn.

Es zitterte förmlich wie Hohn durch die Seele des Oberreviſors, und als er ſo langſamen Schrittes ausſtieg und, ſich auf den Stock ſtützend, nach dem Bahnhofgebäude ſchlich, hätte Niemand in ihm jenen lebensfriſchen Mann vermuthet, der heute Morgen, luſtig den Stock ſchwingend, der feſten Abſicht geweſen war, ſich heute einmal