222 Reiſeluſt.
— einen ſehr ſchönen Nachtſack, von liebender Hand geſtickt, auf dem ein Vergißmeinnichtkranz eine braune Ausfüllung einrahmte, auf welch' letzterer mit gelber Seide die Worte geſtickt waren:„Auf ewig Deine Anna.“
Glückſeliges Gefühl des Alleinſeins. Herr Schmauder hatte den ganzen Wagen für ſich und machte davon umfaſſendſten Ge⸗ brauch; zuerſt zündete er ſich ſeine Cigarre an, dann ſpazierte er mit Wohlbehagen rauchend im Gange auf und ab und konnte es in dem beſeligenden Gefühle, von Niemand mehr beläſtigt zu werden, nicht unterlaſſen, zu jedem Fenſter hinauszuſchauen, natürlich unter Beobachtung der gehörigen Vorſichtsmaßregeln in Betreff ſeines Kopfes und anderer Körpertheile.
Leider fliegen die glücklichſten Augenblicke am raſcheſten vorüber — kaum gedacht, war der Luſt ein End' gemacht: da pfiff ſchon die Lokomotive, da verminderte der Zug ſeine Schnelligkeit und hielt auf dem Bahnhofe einer ehemaligen Reichsſtadt, wo ſich Herr Schmauder zur Sicherung ſeines guten Eckplatzes wieder auf dem⸗ ſelben niederließ.
Leute gab es genug auf dem Trottoir, doch war bei dem allgemeinen Durcheinander noch ſchwer zu unterſcheiden, wer von dieſen wirklich Selbſtreiſender war oder nur Begleiter. Zu ſeiner Beruhigung ſah der Oberreviſor im erſten Augenblick allerdings, daß ſich hier keine Turnerſchaar befand, welche Luſt hatte, die Eiſenbahn unſicher zu machen, dagegen bemerkte er nicht ohne einige Beſorgniß zwei geſondert ſtehende, zuſammengedrängte Gruppen, deren Mitglieder eifrig zuſammenſprachen und jetzt die Köpfe etwas auffallend dem Zuge zuwandten.
„Einſteigen nach Bopfingen, Nördlingen, München, Wien, Peſth!“
„Wunderbares Verbindungsmittel dieſe Eiſenbahnen— ver⸗ binden uns mit den entfernteſten Ländern, und ich bin feſt über⸗ zeugt, daß es gar nicht unbehaglich ſein muß, in der Türkei zu


