30 Der Toreador.
rathen durch graziöſe Mimik ihre verſchwiegenſte Sehnſucht, ihre heißeſten Wünſche: ſie ſcheinen in den Boden gewurzelt, regungslos ſich und die Welt zu vergeſſen— das Orcheſter ſpielt auf und ſie erwachen entzückt, die Arme ausgebreitet. Mit der rauſchenden Muſik wird auch die Leidenſchaft kühner, die Bewegung raſcher, die Mimik bedeutungsvoller. Sie flieht verſchämt, er verfolgt ſie flehend, bald ſehen ſie einander tief in die Augen, bald ſind ihre Blicke auf den Boden geheftet; das Neigen und Beugen, das Wen⸗ den und Wiegen und Schweben iſt mimiſche Muſik. Alle Reize weiblicher Schönheit und männlicher Kraft zeigen ſich in uner⸗ ſchöpflicher Mannigfaltigkeit. Die Tänzer ſind im Himmel und haben vor Begeiſterung ſich und die Zuſchauer vergeſſen, die ihrer⸗ ſeits von der Tarantel geſtochen, im Geiſte mittanzen und mit flammendem Blick, wallendem Buſen und pochendem Herzen der leiſeſten Bewegung und Schwingung des phantaſtiſchen Tanzes folgen. Und doch iſt in all' den wunderbaren Stellungen und Schritten des Fandango, welche der Wahnſinn romantiſcher Leiden⸗ ſchaft improviſirt, kein Hauch von Gemeinheit, nicht der leiſeſte Schatten grober Sinnlichkeit. Die geheime Sprache des Herzens iſt erklungen, ein Schauer hat eure Nerven überflogen, aber die Seele iſt mitten im Rauſche rein geblieben.. nur möchte der Tänzer nachher mit keiner anderen Dame als ſeiner erſten Tänzerin tanzen— magnetiſch fühlen ſich Beide zu einander hingezogen. Wie ſchön ſie war! denkt er— wie zärtlich er blickte! fagt ſie zu ſich.—
Nun hatten ſie geendigt— nun applaudirte Vetter Kanonikus mit einer kraftvollen Ausgiebigkeit, und ein paar Dutzend Hände und Händchen waren in Bewegung, dem ſchönen Paare ihren Bei⸗ fall zu bezeigen, als ſei man im Theater. 5
Ole, ole, salero!-
Paula's Auge leuchtete in ſeliger Trunkenheit; ſie athmete tief und ſchwer, und dabei biß ſie ihre weißen Zähne aufeinander und


