Teil eines Werkes 
51. Bd. (1873) Werke
Entstehung
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Der Toreador.

anderen Freunde der Familie in ſtiller Beſchaulichkeit mit wohl⸗ thuender Ruhe dem Geſchäfte des Verdauens obliegend dort Donna Leocadia Melendez, zwei anderen, ältlichen Damen halb⸗ laut die Verſicherung gebend, daß man ihr eigentlich ſagen könne, was man wolle, ſo ſei ſie doch noch nicht zu der Ueberzeugung ge⸗ kommen, daß die Sterne da oben nicht wie feſtgenagelt ſtänden und auf und ab gingen was die Augen ſehen, glaubt das Herz. Etwas zurückgezogen vom Tiſche und den Schatten eines Granat⸗ baumes benutzend, ſaßen ein paar junge Damen, leiſe, aber eifrig zuſammenplaudernd, und wenn abwechſelnd bald die Eine, bald die Andere hinaufſchaute zu dem glänzenden Nachthimmel, ſo war das bei der Einen verbunden mit einem glücklichen Lächeln, bei der Andern aber mit einem ſtillen, faſt ſchmerzlichen Seufzer. Noch zwei weitere Perſonen befinden ſich hier: ein junges Mädchen von außerordentlicher Schönheit in einfachem, weißem Kleide von dünn⸗ ſtem Stoffe, welches feſt um ihren Oberkörper anſchließend faſt zu verrätheriſch die ſchönen, ſchwellenden Formen ihres Körpers zeigt: Donna Paula, die Tochter des Hauſes. Ehe ſie ſich zu Tiſche ſetzte, hatte ſie ſich, wie die übrigen Damen, der Mantille entledigt und die Basquine abgelegt: der Tag iſt ja ſo heiß und man iſt unter lauter guten Freunden. Auch Paula betrachtet, in ihren Stuhl zurückgelehnt, den Himmel, wenigſtens hat ſie demſelben ihr Geſicht zugekehrt. Wenn wir aber näher hinſchauen, bemerken wir, daß ihre Lider ſchläfrig die Augen bedecken ſchade: zu dieſem prächtigen Kopfe mit den faſt zu ſtarken, blauſchwarzen Haarflechten gehört gewiß ein Paar wunderbar leuchtender Augen. Doch warten wir einen Augenblick: unter den langen, ſeidenen Wimpern blitzt es hervor jetzt ſchaut Donna Paula um ſich: ah, wir ſind in unſerer Erwartung nicht betrogen, ſie hat ein herrliches Auge, nur von etwas düſterem Ausdrucke, und wenn ſie ſo plötzlich aufblickt, ſo wird man unwillkürlich erinnert an das Wetterleuchten einer ſchwülen Sommernacht.

Hackländer's Werke. 51. Bb. 2