Die Spuren eines Romans. 25
„Wie das merkwürdig iſt und intereſſant,“ dachte Adelgunde, indem ſie ihm langſam folgte,„habe ich doch unbedingt hier ein Original vor mir, das dem Verfaſſer bei einer ſeiner beſten Figuren gedient. Wie hübſch wäre es, wenn ich auch noch irgend eine andere ſeiner kleinen Eigenthümlichkeiten mit anſehen könnte, wie er z. B. in ſeiner wohlwollenden Manier dem hübſchen Dienſtmädchen eines befreundeten Hauſes lächelnd zunickt; hier einem kleinen Jungen auf die Wangen pätſchelt, dort einen andern ſeiner kleinen Bekannten in jovialer Laune über den Stock ſpringen läßt.“ 3
Doch that Herr Stadtrath Schmetterer nichts von alledem, wie es ſo allerliebſt in dem Romane geſchildert war, vielmehr ging er mit tief geſenktem Kopfe ſeines Weges, nur zuweilen an einem Laden ſtehen bleibend, um ſich hier durch eine kaum merkliche Drehung ſeines dicken Halſes zu vergewiſſern, ob ihm die auf⸗ fallende Fremde immer noch folge.
Ja, Adelgunde folgte ihm und es war das für ſie ein kleines nettes Abenteuer, der angeknüpfte Faden der Ariadne, durch den ſie mehr Entdeckungen zu machen hoffen durfte. Pflegte doch im Roman der Stadtrath Schmetterer häufig in den Nachmittags⸗ ſtunden den jungen Muſiker zu beſuchen, für den er ſich, wie für Alles, ſo wohlwollend intereſſirte. Freilich fand es das junge Mädchen ſelbſt für eine lächerliche Idee, Wahrheit und Dichtung ſo genau vereinigt finden zu wollen, doch was verſchlug es ihr, vielleicht vergeblich eine Straße hinauf, die andere hinabzuſchlen⸗ dern. Jedenfalls war ſie feſt entſchloſſen, die Wohnung des Stadt⸗ raths zu erforſchen, um ihm vieleeicht ſpäter einen Beſuch zu machen und ihm mit der Freimüthigkeit, die ihr eigen war, zu ſagen, welches Intereſſe er ihr eingeflößt, und ihn um Mittheilungen zu erſuchen, ob wirklich die handelnden Perſonen jenes Romans, der ſie ſo ſehr intereſſirte und den auch er gewiß kennen mußte, nicht bloße Erfindungen des Dichters ſeien. Dabei konnte ſie ja ferner das Glück haben, die regierende Stadträthin zu ſehen mit den


