24 Die Spuren eines Romans.
den alten Herrn mit der weiſen Halsbinde aufmerkſam betrachtete. Hatte ſie doch keine Ahnung davon, daß auch er unter dem breit⸗ krämpigen Hute hinweg ſpähend nach ihr ſchaute, und daß er ſich eines beängſtigenden Gedankens nicht erwehren konnte bei dem Ge⸗ danken, dieſes ſchöne, aber etwas auffallende Mädchen habe irgend welchen Grund, ihm ſo offenbar ihre Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Allerdings war er Chef der ſtädtiſchen Polizei, und wenn auch die Keckheit gewiſſer Damen unverantwortlich weit zu gehen pflegt, ſo konnte er doch unmöglich glauben, daß er es hier mit einem Indi⸗
viduum zu thun habe, das ihm auf ſeine Kanzlei folgen würde,
um irgend ein Anliegen vorzubringen— unmöglich, wenigſtens un⸗ glaublich— doch betrachtete ihn die Fremde, und er zweifelte nicht, daß es eine Fremde war, ſo aufmerkſam, daß er es für gerathener hielt, ihr den Rücken zu drehen und ſeinen Freund, der ein großer Lebemann war, ein paar Schritte mit ſich die Straße hinaufzu⸗ nehmen.„Das iſt ein verfluchter Kerl, den kenne ich,“ dachte der Stadtrath,„und wenn er bemerkt, daß mich dieſes junge, hübſche Mädchen forſchend betrachtet, ſo wäre er im Stande, irgend etwas zu unternehmen, was mich hübſch kompromittiren könnte, hier in einer Straße, wo Tante Jettchen nicht nur wohnt, ſondern ſtändig an ihrem Fenſter lauert, und wo unſere brave Büglerin mit ſechs erwachſenen Töchtern zu ebener Erde ihr Arbeitslokal hat, das ginge mir ab!“ 1
„Nein,“ ſprach er deßhalb mit großer Würde zu ſeinem Freunde, „ich führte meine Frau heute nicht ſpazieren, ſondern war in Ge⸗ ſchäften auf der Stadtdirektion, muß mich aber jetzt eilends auf mein Bureau verfügen.“
„Sehen wir uns heute Abend im blauen Bock?“
„Wenn ich abkommen kann, gewiß.“
Damit trennten ſich die beiden Freunde und der Stadtrath ging langſam die Straße hinauf, beide Hände wieder auf dem Rücken vereinigt, das ſpaniſche Rohr in perpendikulärer Bewegung.
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